Das Böse ist tabu

Das Böse ist tabu

Es erfreut sich ja dieser Tage großer Beliebtheit, die bösartigen Auswüchse der Zivilisation nicht nur lautstark anzuprangern, sondern sie umgehend mit Dummheit und mangelnder Bildung gleichzusetzen. Jeder, der sich der Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und die Zukunft auf diesem Planeten nicht isoliert, sondern nur miteinander gestalten können, nicht anschließt, ist dumm. Ein Idiot. Ein Arschloch. Ein schlechter Mensch. Es ist dabei ganz gleich, ob es sich um Rassismus, Islamismus, Terrorismus oder Sexismus handelt. Der mit dem Hass ist der Arsch. So notwendig diese Abstempelung des Bösen mit plumpen Schimpfworten für Seelen- und Gesellschaftshygiene auch ist, so gefährlich ist sie. Sie erfüllt den Zweck der eigenen Rückversicherung zwar ganz hervorragend, ebenso liefert sie einen Beitrag zu einer öffentlichen Stimme gegen Gewalt und Hass, doch sie tut dabei auch eines: sie beendet die Beschäftigung mit dem Bedrohlichen, wo sie eigentlich beginnen sollte. Denn im Grunde ist sie nichts weiter als eine Tabuisierung, eine thematische Abkapselung. Sie erschafft einen luftleeren Raum um das Böse, in dem es zwar isoliert, aber doch weitgehend unbehelligt, weil unverstanden fortbesteht.

Das Böse und ich

Die Gründe dafür sind durchaus nachvollziehbar.
Indem ich mich weigere, die Ursachen einer negativen Entwicklung zu erfragen, stelle ich sicher, dass ich selbst frei jeder Mitverantwortung bleibe. Dort, wo etwa gesellschaftliche Gründe zu einem Ausbruch des Bösen geführt habe, ist niemals nur einer Schuld, ganz gleich wie furchtbar seine Tat auch gewesen sein mag. Schuld sind auch politische und soziale Strukturen, Ämter und Behörden, die versagen, Nachbarn, die wegschauen, mobbende Kollegen. Das Aufdecken von Zusammenhängen, die zu der Tat geführt haben, birgt immer die Gefahr, dass ich selbst betroffen sein könnte, vielleicht sogar als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Nicht nachzufragen bedeutet, die Unversehrtheit meiner eigenen moralischen Selbstwahrnehmung sicherzustellen.

Indem ich mich weigere, die Umstände der Tat zu hinterfragen, schaffe ich auch die Möglichkeit, mir selbst einzureden, dass mir so etwas nicht passieren könnte. Die Weigerung zu verstehen, dass manche Menschen durch die äußeren Umstände unmoralisch werden, erhält meine Gewissheit, vor den gleichen Umständen sicher zu sein. Indem ich die Nachvollziehbarkeit des Grausamen verneine, mystifiziere ich es auch und stelle es auf ein unantastbares Podest. Wenn äußere Umstände bei gewissen Personen zu einem so hohen Druck führen, dass Hass und Gewalt daraus resultieren, dann kann es jeden treffen, auch mich. Was für eine entsetzliche Aussicht. Dann lieber den hassenden Menschen entmenschlichen und zu etwas unbegreiflich Bösem erklären.

Indem ich mich weigere zu verstehen, wie der Hass entstehen und die Gewalt ausbrechen konnten, entlasse ich mich aus der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich an den Ursachen etwas ändert. Gegen etwas, das unmenschlich, mystisch und unbegreiflich ist, bin ich machtlos. Ich muss nichts ändern, ich muss mich nicht darum kümmern, dass sich an der Gesellschaft, dem Staat, der Politik etwas ändert, denn das, was da vor uns steht, ist ein Monster, ein Endgegner, um den sich nur jemand wirklich, wirklich Starkes kümmern kann. Ein Politiker im Zweifel. Der soll ein Laserschwert ziehen oder eine Photonenpistole, eine Giftphiole oder eine Atombombe, um zu machen, dass das Monster weggeht. Es soll weggehen, ohne dass sich etwas ändert, am besten wäre, es verschwände einfach.

Überhaupt Stasis: wenn ich anerkenne, dass sich Menschen unter bestimmten Voraussetzungen in Ungeheuer verwandeln können, dann gebe ich damit ja zu, dass bestimmte zivilisatorische Entwicklungen den Menschen verändern, dass die Zeiten sich ändern, dass die Gesellschaft sich ändert, dass eigentlich alles gar nicht so sicher und gemütlich und der Mensch gar nicht so über alles erhaben ist wie gedacht. „Das war schon immer so, das Internet hat es nur sichtbar gemacht“ – den Satz kann ich nicht mehr sagen, wenn ich anerkenne, dass das Böse, dieses mystische Monster, die logische Konsequenz von irgendeiner benennbaren Ursache war. Und dass diese Ursache noch viel mehr Monster produzieren kann.

Anwendungsbeispiel Rechtsradikalismus

In der Mitte der Gesellschaft wuchert seit geraumer Zeit ein Gestrüpp aus Feindseligkeit und Hass, das es mittlerweile schafft, tausende Menschen zu mobilisieren und in Position zu bringen. Gegen den Staat, gegen die Lügenpresse, gegen Minderheiten, gegen Flüchtlinge. Unter dem düngenden Gefühl, viele zu sein, gedeiht dieses Kollektiv schneller als seine Gegner die frischen Triebe abschneiden können. Es gleicht schon heute einem Kampf gegen Windmühlen, dem neuen rechten Geist Einhalt zu gebieten, das Internet ist vollgestopft mit frisch gebackenen, weit rechts der Mitte anzusiedelnden Verschwörungsesoterikern, Menschen, denen man vormals genug Herz und Hirn zutraute, klingen plötzlich wie eine Versammlung von Stammtischpatrioten. Für jeden abgeschlagenen Ast treiben sieben neue aus. Hallo Hydra-Gebüsch.

Ich bin überzeugt, dass die rechtsradikale Gewalt, die wir derzeit erleben, nicht das Ende einer selbsternannten Bürgerbewegung ist, sondern der Anfang. Dass sich noch viel mehr hasserfüllte Menschen im vermeintlichen Schutz des Kollektivs ins Zentrum von allem trauen und dass noch viel öfter aus einer Überzeugung ein Verbrechen gegen Unschuldige wird. Grund für dieses nahezu unbehelligte Wachstum ist meines Erachtens auch, dass jeder Versuch, hinter die Masken des Hasses zu blicken und die Kausalkette, an deren Ende er steht, zu verstehen, reflexhaft von der empörten Stimme der vermeintlichen Menschlichkeit niedergekreischt wird, die Verstehen mit Relativieren gleichgesetzt. „Ich verstehe Dich“ wird ihr zu einem „Ich finde Dein Verhalten richtig oder nicht so schlimm“, der, der die Entstehung, die Intensität, die besonderen Umstände der bösen Tat verstehen will, wird zu einem Nazi-Fürsprecher.

So nachvollziehbar diese Gegenreaktion auch sein mag, ist sie in meinen Augen vor allem gefährlich und destruktiv für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft, denn sie ist grundfalsch. Am Ende von Eurem ganzen Kreischen und Nichtwissenwollen bleiben Euch die Zusammenhänge verdeckt und die Umstände unverändert, Ihr führt die Heckenschere gegen das wuchernde Gestrüpp zwar so schnell und energisch, dass man kaum gucken kann, aber das System verharrt im Stillstand, aus den strukturellen Ursachen entsteht im schlimmsten Fall struktureller Hass, die Gesellschaft produziert ihre eigene Bedrohung.

Pegida, AfD, die besorgten Bürger, von denen einige immerhin so besorgt sind, dass sie zu Molotow-Cocktails greifen – wir müssen versuchen zu verstehen, welche Umstände zu diesem Hass geführt haben, wir müssen, wenn wir jemals auch nur den Hauch einer Chance haben wollen, ihn zu beenden. Verstehen heißt nicht relativieren, sondern es ist der einzige Weg, jemals eine Lösung für das Problem zu finden. Eine Lösung für das Problem, nicht nur für die Symptome.

Fragen → Antworten → Fragen →

Wir müssen danach fragen, was diese Menschen dazu bewegt, auf die Straßen und vor die Flüchtlingsheime zu ziehen und ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Und wenn die Antwort Angst, Misstrauen und Überforderung lautet, dann relativiert das nicht die moralische Verurteilung des Hasses, sondern gibt uns einen Anhaltspunkt, wo die Wurzel des Gestrüpps sitzt. Statt zu kreischen müssen wir weiter fragen, immer weiter. Woher kommt die Angst? Woher das Misstrauen? Warum fühlen sich diese Menschen, die in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde leben, fortwährend in Existenz und Besitz so sehr bedroht, dass selbst vormals unbescholtene Bürger [sic!] keine Hemmungen mehr haben, mit gewaltbereiten, vorbestraften Hardcore-Neonazis gemeinsame Sache zu machen? Was passiert in einem Kopf, der gebildet und intelligent ist und trotzdem plötzlich anfängt, antisemitische, pro-russische Verschwörungsseiten als seriöse Nachrichtenquelle heranzuziehen?

Irgendwann werden wir zum Ende dieser Fragenreihe kommen, erschöpft von unserem eigenen Ekel angesichts der Gefühle, die wir soeben nachvollzogen haben. Dort werden wir die Ursachen finden, dort stehen vielleicht die Medien, die in den letzten Jahren gar nicht so wenig getan haben, um sich den Ruf Lügenpresse zu verdienen, wie man an jedem schönen Tag bei Medienkritiker Stefan Niggemeier oder dem Bildblog nachlesen kann. Oder ein werbetreibender Klick-Journalismus, der fleißig die fürchterlichsten Bilder über die Verbrechen islamistischer Gewalttäter über all seine Kanäle schickt, Bilder, die in manchen Köpfen panische Angst vor der Weltherrschaft des IS auslösen. Am Ende der Fragenreihe steht vielleicht eine menschenfeindliche Wirtschaft, die noch nie Rücksicht auf das Menschenmaterial genommen hat, das sie sich einverleibt und auspresst wie eine Zitrone. Oder ein Hyperkapitalismus, der bei den Menschen über Werbebombardement Wünsche nach Gütern weckt, die die sich gar nicht leisten können. Oder ein Parteiensystem, das vorrangig dieser Wirtschaft zuarbeitet und kaum den Bedürfnissen der Menschen, weil sein einziger Maßstab für eine gesunde Gesellschaft ihr Reichtum ist. Dort steht mit ziemlicher Sicherheit auch das Internet als Symbol für die schiere Informationsflut, die ungeordnet bei vielen Menschen zu einer Überforderung und Realitätsverlust führt.

Die Tabuisierung des Rechtsradikalismus muss aufhören. Ja, es ist eine Tabuisierung, obwohl Ihr den ganzen Tag „Nazis!“ schreit. Der Kampfschrei ist Euch zu einer isolierenden Fettschicht geworden, hinter der Ihr Euch gemütlich verschanzt habt. Die Analyse, das sollen die anderen machen. Aber nicht zu gründlich, denn Verstehen heißt ja Relativieren. Hört auf damit. Ihr helft dem Gestrüpp des Rechtsradikalismus zu immer neuem Wachstum, wenn Ihr jede Nachfrage im Keim erstickt. Interessiert Euch endlich für die psychologischen, emotionalen und strukturellen Zusammenhänge, die der Angst dieser Menschen, die wir eben noch als rechtschaffene Menschen kannten, jeden Tag neues Futter geben und sie damit immer weiter nach rechts treiben. Ihr wartet, dass die Politik das alles irgendwie mit Gesetzen heil macht, ohne dass das etwas mit Euch zu tun hat, aber das wird nicht passieren.

Hört auf, das Böse an den Tellerrand zu schieben wie einen ungeliebten Rosenkohl. Solange Ihr es nicht schafft, die Antworten auf die Frage „Was ist das Böse?“ zu ertragen, solange wird dieses Böse immer leichtes Spiel haben.

Angst ist ein Gefühl, das jeder von uns kennt, und Ihr wollt schlicht nicht, dass etwas so leicht Nachvollziehbares die Ursache von Gewaltbereitschaft ist – erst recht nicht bei Nazis, dem Inbegriff des Bösen. Aber doch, genau so ist es. Angst erzeugt Hass, Hass erzeugt Gewalt. Diese Menschen fühlen sich bedroht, von Feinden umzingelt, die Gelenkschmiere ihres Handelns ist die subjektiv empfundene Schwäche und Unterlegenheit vor einem kaum greifbaren Gegner. Diese Menschen sind durch unsere globalen, zivilisatorischen Entwicklungen an den Rand der Paranoia geraten und dort sind sie Argumenten nicht mehr zugänglich. Es regiert nur noch der Impuls.

Das ist beängstigend, es ist unmoralisch, unbedingt zu verurteilen, aber es ist eben auch eine emotionale Reaktion, an der der Staat, die Medien, die Zivilisation, Autoritäten im Allgemeinen ihren unbestreitbaren Anteil haben. Wenn wir es nicht schaffen zu sagen „Ich erkenne und verstehe die Angst“ und den Blick dann – die Ursache suchend, nicht die Symtome – auf eben jene Autoritäten zu richten, dann werden wir mehr Heckenscheren brauchen. Viel mehr.

30 Kommentare

  1. Ursachen verstehen, well. Wenn ich jetzt sage, dass ich da teils ganz alte Ängste aus vorkolonialer Zeit (Europa) vermute, als das Osmanische Reich vor den Toren Wiens stand, dann hilft das keinem, oder?

    Wenn ich sage, dass ich vermute, dass da auch uralte Unterlegenheitsgefühle gegenüber einem Vorderasiatischen- und Asiatischen Raum sehe, der Europa in nahezu allen Punkten intellektuell, kulturell und wirtschaftlich überlegen war, auch nicht.

    Ebensowenig wenn ich sage, dass ich in der aktuellen Debatte, eben genau den PR-Sprech wiedererkenne, der während der Hochzeit der europäischen Expansion genutzt wurde, ebensowenig.

    Das liegt alles weit zurück, ist unser Erbe, beeinflusst die Gegenwart sehr wohl, ist aber viel zu verkopft um in der Diskussion sinnvoll zu sein.

    Und dann wäre da noch: https://de.wikipedia.org/wiki/Etablierte_und_Au%C3%9Fenseiter

    • Ich gehe sogar noch weiter zurück. Ich habe gemerkt, wie viele negative Entwicklungen sich unmittelbar an die Neolithische Revolution und den ihr folgenden Handel und Wirtschaft anschließen. Der erste Schritt der Zivilisation hat auch gleich die Grundlage für die krankhaften, gewalttätigen, feindseligen und ungerechten Entwicklungen der Menschheit geschaffen, denn fast alles Unrecht auf dieser Welt ist mittelbar oder unmittelbar Folge dieser Möglichkeit, Reichtum anzuhäufen. Auch diese ganze konservativ-rechtsmittige AfD-Grundhaltung hat ja irrsinnig viel mit der Angst vor dem Verlust des eigenen Besitzes zu tun, Hilfe, jemand will mir etwas wegnehmen, da steckt sehr viel ekelhafte Weigerung, etwas abzugeben, drin.

      Der Kristallisationskeim dieser Gier und dieses Egoismus, der soweit geht, die ganze Welt auszubeuten und immer noch das Gefühl zu haben, dass es rechtmäßig ist, alles allein zu behalten, ist zu weit weg, um auf die Schnelle etwas ändern zu können, ja. Ich glaube trotzdem an eine Welt ohne Hyperkonsum. Ebenso daran, dass jeder Beitrag, der Zusammenhänge verdeutlicht, wertvoll ist. Denn wenn wir alle ständig den Schwanz einziehen vor der Komplexität, vor der tiefen Verankerung negativer Verhaltensweisen, dann werden wir nie hinauskommen über bloße Symptombekämpfung. Wir werden bis in alle Ewigkeit Aspirin fressen gegen die Kopfschmerzen, die uns ein Hirntumor beschert.

  2. Verstehen als Basis für Veränderung – unbedingt! Aber dann? Leider erlebe ich es viel zu oft, dass das verängstigte „Böse“ mir gegenüber gar nicht zuhört. Der Mensch ist mit seinen paranoiden, Hass produzierenden Ängsten beschäftigt. Er hört mich nicht, sondert beständig weiter seine Bedenken (= Hass hinter vorgehaltener Hand) ab. Und zwar an jedem Kaffeetisch durch alle Bildungsschichten hinweg. Es ist zermürbend.

    • Es mag ein Versehen sein – aber nach meiner Definition muss man zum Verstehen erst einmal Zuhören und Nachbohren – und das möglichst ohne eine bestimmte Antwort zu implizieren oder zu provozieren. Dann davon zu sprechen, dass die andere Seite einem selbst nicht zuhört… das is für mich irgendwie am Thema vorbei.

  3. Wer die Psychologie bemüht oder die Soziologie, die Pädagogik oder irgendeine andere wissenschaftliche Erklärungsmaschine, der mag zwar dem Phänomen des Hasses und der Irrationalität der Ablehnung auf die Spur kommen. Aber indem er nach objektivierbaren Ursachen für Verhalten forscht, nimmt der den Objekten dieser Forschung ihre Freiheit und damit auch ihre Verantwortung. Wenn ich den Haß eines Menschen kausal zu erklären mich anschicke, spreche ich ihm gleichzeitig die Freiheit ab, sich gegen den Haß zu entscheiden. Und damit nehme ich ihm die Verantwortung ab, für sein Handeln, das ja Zwängen geschuldet ist, und auch für seine Entscheidung, die ja dann gar nicht mehr seine Entscheidung, sondern eine naturgesetzliche Folge von unglücklichen Umständen ist.

    Mag sein, man erreicht dann etwas, wenn man diese unglücklichen Umstände ausmerzt. Der Haß ist dann vielleicht weg. Aber nicht, weil die Menschen sich eigenverantwortlich dazu entschieden hätten, nicht zu hassen. Sondern dann haben wir ihnen nur das Fressen gegeben, nach welchem erst bekanntlich die Moral kommt.

    • Sie scheinen Anhänger eines Menschenbildes zu sein, in dem einzig der freie Wille Triebkraft seines Handelns ist. Freier Wille, freie Entscheidung, volle Verantwortung in jedem einzelnen Augenblick. Weder soziale Umstände noch (psychische) Krankheiten, kein emotionaler Affekt, keine (neuro-/hormon-)physiologischen Auslöser und keine Extremsituation können die freie Entscheidung des Menschen für oder gegen das Böse beeinflussen.
      Ich darf Ihnen sagen, dass ich diesem Menschenbild nicht anhänge. Der Mensch ist nicht gottgleich, sein Verstand trifft Entscheidungen nicht immer im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, es gibt Gründe so zahlreich wie Sandkörner in der Wüste, die den Menschen jeden Tag in seinem Handeln beeinflussen. Erziehung, soziales Umfeld, genetische Konstitution, Persönlichkeitsstörungen usw.

      Sie möchten nicht, dass das menschliche Handeln zu irgendeinem Zeitpunkt etwas anderes ist als eine freie Entscheidung, und deshalb halten Sie sich an der Vorstellung fest, das sei auch nicht so. Das ist verständlich, bloß wahrer wird es dadurch nicht.

      Dort, wo Gewalt zuverlässig strukturell erzeugt wird, sind Maßnahmen notwendig. Das enthebt den Einzelnen keineswegs aus seiner Verantwortung, aber räumt eine potentielle Gefährdung aus der Welt.

      • Von gottgleich kann die Rede nicht sein (obwohl die Christen hier einiges dazu zu sagen hätten, Ebenbild und so); aber da der Mensch sich selbst als frei in seinen Entscheidungen empfindet, hat er auch Verantwortung. Nimmt man ihm die, kann man menschliches Handeln überhaupt nicht mehr bewerten, nur noch verstehen. Ich glaube nicht, daß ein solches Menschenbild realistischer ist. Jedenfalls bewegt es sich nur noch in der Empirie, nicht mehr in der Ethik.

        • Nochmal: es geht mir nicht darum, jemandem die Verantwortung für sein Handeln zu nehmen. Die juristische Konsequenz aus einem Fehlverhalten halte ich für angemessen und richtig. Aber Ethik ist nun einmal nicht der einzige Antrieb menschlichen Handelns, auch wenn das wünschenswert wäre.
          Strukturen, die Gewalt erzeugen, müssen erkannt und benannt werden. Nehmen Sie nur mal als Beispiel die saloppe Verfügbarkeit von Handfeuerwaffen in den USA und der damit verbundenen grotesk hohen Rate an Todesfällen durch – Überraschung! – Handfeuerwaffen. Nach Ihrer Logik könnte man sagen, die losen Waffengesetze haben nichts mit dem Verbrechen zu tun, verantwortlich ist und bleibt der Einzeltäter, einer Verschärfung der Gesetze ist daher nicht nötig.

          Ist sie aber natürlich sehr wohl, denn die erschreckende Normalität, mit der dort Waffen wie ganz gewöhnliche Gebrauchsgegenstände behandelt werden, senkt die Hemmschwelle, die Waffe auch zu benutzen. Der Mensch verliert jeden Respekt vor der Gefährlichkeit dieses Gegenstandes, weil er von klein auf an seinen Anblick, sein Geräusch und seinen Geruch gewöhnt ist. Die leichte Verfügbarkeit von Waffen vervielfacht außerdem die schiere Anzahl von Gelegenheiten, der eigenen Wut Ausdruck zu verleihen. Waren Sie schon einmal rasend vor Wut? Ich schon und ich bin froh, dass ich in diesen Momenten keine Waffe zur Hand hatte.

          Töte ich mit der Waffe einen Menschen, habe ich ein Verbrechen begangen, für das ich vollumfänglich die Konsequenzen tragen muss. Die Strukturen, die dieses Verbrechen aber ermöglicht oder begünstigt haben (s.o.), müssen aber trotzdem aus der Welt geschafft werden.

  4. Ich mag diesen so wunderbar auf den Punkt gebrachten Gedanken (Danke dafür. Sehr) noch einen hinzufügen (ich hoffe, ich habe ihn oben nicht übersehen): Wenn ich zulasse, dass „die“ nicht nur dumm sind, sondern eben auch normale Menschen, komme ich folgerichtig an den Punkt, dass auch mir nicht-dummem-Mensch evtl auch solche Gedanken, Irrwege, Dummheiten passieren könnten.
    Wenn man das , also quasi die eigene Fehlbarkeit akzeptiert, hilft das erstens beim erforderlichen Fragen-stellen und ist zweitens ein ganz hervorragender Schutz dagegen, unreflektiert Dummes zu tun – während man sonst Gefahr käuft, auch sein eigenes Handeln zu tabuiseren und damit einfach mal nicht zu bemerken.

    • Ja, absolut. Ich hatte versucht, das in diesem Absatz

      Indem ich mich weigere, die Umstände der Tat zu hinterfragen, schaffe ich auch die Möglichkeit, mir selbst einzureden, dass mir so etwas nicht passieren könnte. Die Weigerung zu verstehen, dass manche Menschen durch die äußeren Umstände unmoralisch werden, erhält meine Gewissheit, vor den gleichen Umständen sicher zu sein.

      zu treffen. Dieses „Das kann mir nicht passieren“ gilt natürlich nicht nur für die Umstände, sondern auch für den „Menschentypus“. Danke für die wichtige Ergänzung.

  5. Man kann sich seiner selbst nie sicher sein. Nach Filmen wie z.B. „Das Experiment“ oder „Die Welle“ habe ich mich auch schon gefragt, wie ich wohl reagiert hätte.
    Wir werden auch in Zukunft hier alle weiterhin miteinander auskommen müssen und wenn wir nicht bereit sind, nach den Ursachen zu fragen, können wir auch die Symptome nicht heilen.

    • Ich habe mich mal eine Weile mit Massenhysterien beschäftigt, Ereignisse, bei denen z.T. ganze Kleinstädte glaubten, von einer bestimmten Gefahr umzingelt zu sein, ohne dass sich jemals ein nachweisbarer Hinweis für die tatsächliche Existenz dieser Gefahr finden ließen.

      Der freie Wille, oder besser: die Unbeeinflussbarkeit des freien Willens ist ein Mythos.

      Ich glaube im Übrigen, dass auch der ungeheure Zuspruch, den Verschwörungstheorien derzeit erfahren, auf massenhysterische Dynamiken zurückgeht.

  6. Genau hinschauen und nachfragen ist immer gut, sich selbst hinterfragen sowieso, aber dann?

    Am Beispiel Angst vor Flüchtlingen:
    Einfach mal Zuhören und Ernstnehmen als unmittelbarer Lösungsansatz funktioniert vermutlich bei der vom letzten Krieg traumatisierten Oma, die Angst hat, dass demnächst wer in ihrem Wohnzimmer einquartiert wird und bei verunsicherten Anwohnern eines geplanten Flüchtlingsheims.

    Aber bei jenen die Flüchtlinge als Projektionsfläche für allerlei Ängste und Hass nutzen und jene die sich mit ihnen in Konkurrenz sehen? (Mir fällt da immer der Witz ein mit einem Banker einem Arbeitslosen und einem Flüchtling an einem Tisch mit 20 Keksen. Nimmt sich der Banker 19 Kekse und sagt zum Arbeitslosen „pass auf dass der Flüchtling dir nicht Deinen Keks wegnimmt!“ – mit Sicherheit wird demnächst wieder im Sozialbereich gekürzt mit Verweis auf die Flüchtlinge)
    Diffuser Antikapitalismus und unmächtiger (sic!) Hass auf „die da oben“ ist ihnen ja durchaus nicht fremd, also wie willst du sie konkret erreichen, zumal in der Masse?

    Ich bin mit Dir absolut einig, dass wir uns um soziale Schieflagen und Ängste kümmern müssen, finde aber die Verquickung gefährlich – dann wäre die Reaktion wohl: „wir müssen also Flüchtlingswohnheime anzünden und Rechte wählen, dann bekommen sie endlich Angst und hören zu!“

  7. Im Grunde stimme ich zu. Die Analyse der Ursachen und auch der Umgang mit dem Rechtsradikalismus, da gehe ich mit. Was mir fehlt ist die komplette Gesichtsblindheit auch hier wieder gegenüber dem Fundamentalismus, ja Faschismus, der mit der Islamisierung einhergeht. Der IS ist genausowenig ein Popanz, eine Schimäre, wie es die SA war. Beides sind faschistische Organisationen. Es scheint, wir wollen nicht zur Kenntnis nehmen, daß es das Böse auch in anderen Kulturen gibt. Daß eine faschistische Gesinnung nicht an das Hakenkreuz, die deutsche Vergangenheit oder eine braune Uniform gebunden ist. Ich hätte ein weit besseres Gefühl, wenn wir das Böse unabhängig betrachten. Unabhängig von Nationen, Uniformen, Religionen, Kulturen. Dann steht uns vor allem der Weg offen, übergreifend Koalitionen zu schmieden gegen die Menschenfeinde.

    • Ich bin durchaus nicht blind, aber Sie scheinen den Artikel nicht genau gelesen zu haben. Ganz oben im ersten Absatz sagte ich, dass die Tabuisierung zuverlässig bei jeder Art von hassgetriebener Konfliktbewegung greift, eben auch z.B. dem Islamismus, also regen Sie sich wieder ab. Niemand lässt etwas weg, ich bin nicht die meinungsmachende Lügenpresse, ich beschäftige mich nur beispielhaft mit dem Rechtsradikalismus, weil er hier in Deutschland ein wesentlich größeres Problem ist als der Islamismus.

      • Ich bin über den Satz „Bilder, die in manchen Köpfen panische Angst vor der Weltherrschaft des IS auslösen.“ gestolpert. Ersetzen sie kurz IS durch SA und sie verstehen vielleicht, was mich stört. Ach, und wenn sie nicht die meinungsmachende Lügenpresse sind, ich bin auch nicht Pegida ;-) Habe ich zumindest nicht vor.

  8. […] So wird aus etwas Normalem, Natürlichen, mirnichtsdirnichts ein Krankheitsbild. Und ja, das war früher besser. Früher, als die Menschen, unsere noch mit der Natur leben statt gegen sie. Und heute? Orangenhaut bei Frau Angst und Glatze bei Herrn Angst? Böse! Müssen weg! Muss man was gegen tun! Geht so gar nicht! NO GO! In Großbuchstaben und mit viel zu vielen werbewirksamen Ausrufezeichen. Frau Meike hat neulich ein paar sehr-senr-seeehr lesenswerte Zeilen über das Böse und wie wir es l… […]

  9. Ein hoher Anspruch, den Du da an die gewöhnlich Reflexempörten heranträgst. Dein Beitrag passt in eine Reihe von Texten der letzten Zeit, die das emotionalisierte, affektive kommunikative Handeln kritisieren, das viele inzwischen wie eine Art Menschenrecht vor sich hertragen. Zuletzt Carolin Emcke. Leider befürchte ich (und ich bin nicht mal Pessimist), dass wir diese individualisierte Ebene der (bisher vielleicht unverstandenen) kommunikativen Bedürfnisbefriedigung bei den Menschen nicht mehr berühren können. Da geht es oft nur noch um eine trollige Wirkmächtigkeit, die den eigenen Kränkungen und Gefühlen zur Relevanz verhilft und die manche derzeit wohl als eine (sehr krude) Art von Demokratie interpretieren. Auch wenn ich Dir für Deine Thesen dankbar bin, geht es imho eher nicht um ein örtliches Bedingungsgefüge, das Nazis macht und das Böse bedingt, sondern um Identität. Und dieses Problem wird keiner der von Dir kritisierten Personenkreise lösen, denn sie sind selbst tief in diesem verstrickt.

    Gerade unter den „Nazi“-Schrei-Aktiven ist jede Art des Stolzes und der Identifizierung mit Kollektiven unterhalb der Internationalen und überhalb der Anarchie verpönt. Manchmal durchaus aus guten Gründen aus einer kritischen Perspektive heraus. Wenn man jedoch ehrlich zu sich wäre, würde man bemerken, dass der bundesweite, schichten- und milieubreite Stimmungsumschwung in Sachen Flüchtlinge gerade durch eine Neubesetzung des gemeinsamen Stolzes möglich wurde. Erst als es den identitätsstiftenden Begriff ‚Willkommenskultur‘ gab, drehte sich das Ganze. Ausgerechnet durch die Anrufung des Subjekt ‚Nation‘.

    Dürfen wir also nicht nur agitieren, bekämpfen und niederschrein, sondern müssen wir auch an solchen kollektiven Momenten, in denen jeder Mensch eine positive Rolle spielen kann und Gemeinschaft nicht auf Kosten von anderen entsteht, arbeiten. Das ginge über den Reflex als eine (sehr krude) Idee von Diskursarbeit deutlich hinaus und würde tatsächlich Analyse und Verständnis voraussetzen. Man müsste demzufolge an einer Mitte arbeiten, die leider nicht immer die reine Utopie bedeutet, man müsste Menschen ernst nehmen, die nicht zur Intelligenzija gehören. Gerade die Mitte – egal wie sie definiert ist und von welcher Seite – wird derzeit offen diskreditiert, man grenzt sich gerne pauschal von ihr ab und auch in Deinem Text wird sie als Ort eines rechten Gestrüpps formuliert, immerhin nicht damit gleichgesetzt. Also: Vielen Dank für Dein Denken und Schreiben und ich hoffe, dass Dein Text für manche neue Orientierung ist. Doch meiner Meinung nach hängen viel zu viele Identitäten an Konflikten, nicht an der Gestaltung des brückenschlagenden Gemeinsamen. Der Einzelne gewinnt derart kein Profil, außer natürlich er oder sie ist Philosophin oder Intellektueller.

    • Zur besseren Lesbarkeit habe ich Deinem wichtigen Kommentar mal ein paar Absätze spendiert. Das wirkt manchmal Wunder, wenn man gelesen werden will.

  10. Abgesehen davon, dass ich Rozkohl auf meinem Teller nicht beiseite schieben würde hast Du Recht.

    Der britische Think Tank Demos hat schon 2011 eine Studie über die stillen Unterstützer“ rechtspopulistischer Bewegungen gemacht, die sich im Rückblick wie eine Vorhersage für das Jahr 2015 liest: enttäuschte Staatsbürger treffen auf Rechte Demagogen und ignorante Politiker und Medien radikalisieren diese Minderheit weiter.

    Zum Glück zeigte die Studie auch, dass nicht alle der befragten Unterstützer Anti-Demokraten sind – man kann also mit ihnen reden. Und zwar indem man ihre Sorgen ernst nimmt ohne ihre fremdenfeindlichen Antworten auf diese Sorgen zu akzeptieren sondern nach alternativen Lösungen sucht.

    Mehr über die wirklich interessante Studie hier:

    http://www.danielflorian.de/2011/11/27/npd-verbot-nicht-ausgrenzen-sondern-ansprechen/

  11. Woanders | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001 sagt:

    […] auch Fehler macht, dass man auch selbst in der Lage sein könnte, Böses zu tun, das ist schwer. Wäre aber mal dringend nötig. Je nach Veranlagung zeigt uns nämlich entweder die deutsche Geschichte oder das Lesen der […]

  12. Woanders – Die zwölfte Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit | Herzdamengeschichten sagt:

    […] mit Logik nun einmal nicht weiterkommt. Gut verdrängt ist auch die Frage nach dem Bösen und nach der Angst in der Gesellschaft. Man beguckt sich lieber kopfschütttelnd die […]

  13. „Jeder, der sich der Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und die Zukunft auf diesem Planeten nicht isoliert, sondern nur miteinander gestalten können, nicht anschließt, ist dumm. Ein Idiot. Ein Arschloch. Ein schlechter Mensch.“

    In Kenntnis anderer Stücke der Autorin ist es nicht völlig unwahrscheinlich, dass man in diesem unscheinbaren Satz folgendes Axiom versteht:

    Jeder, der sich nicht der Auffassung anschliesst, die deutschen Grenzen unbegrenzt und für jedermann als Einwanderer zu öffnen, ist böse.

    Ich glaube nicht, dass die Autorin das gemeint hat, so, wie sie ihre Argumentation weiterführt. Aber ihr Einstieg beschreibt die Debatte, wie sie in Grossteilen der deutschen „Qualitätsmedien“ geführt wird und damit einen der wichtigsten Gründe für den Aufstieg von AfD und PEGIDA:

    Bewusst verkürzt kann man leicht den Eindruck gewinnen, man habe nur noch die Wahl zwischen „No border, no nation“ und AfD/NPD/PEGIDA. Das zumindest ist die Quintessenz aus der „Berichterstattung“ von allen öffentlich-rechtlichen Sendern, der SZ, der ZEIT, des SPIEGEL und der BILD. Auf twitter sowieso. Wer „Refugees welcome“ nicht unterschreibt, ist Neonazi.

    Wer seriöser Zuwanderungskritik – yep, die gibt es – derart keinen legitimen Raum mehr lässt, wagt eine gefährliche Wette: Dass sich bei der oben angedeuteten Wahl nur eine sehr kleine Minderheit AfD, PEGIDA et al. anschliessen würde.

    Wir werden in den nächsten Monaten in Deutschland sehen, ob diese Wette aufgeht. Danach haben wir – so meine Vorhersage – vermutlich sehr viel mehr Grund als heute, sich mit dem Bösen und seiner Entstehung zu beschäftigen. Weil zuviele heute „Nicht meiner Meinung = Böse“ sofort unterschreiben würden und auch danach handeln.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ich befürchte, Sie haben den ganzen ersten Abschnitt nicht richtig verstanden. Der zitierte Satz bezog sich nicht auf etwas Spezielles und gab auch nicht meine Meinung wieder, sondern sollte einen allgemeinen Reflex nachzeichnen.

      PS: Sie müssen in meinem Blog, unter meinem Artikel nicht über mich in der dritten Person sprechen.

    • Wirklich lesenswert davon sind die letzten 3 Absätze im Kapitel „Haß und Zynismus in der Gesellschaft“. Der Rest ist eben Individualpsychologie, bei der System und Gesellschaft nur am Rande auftauchen. Gesellschafts- bzw Systempsychologie ist leider noch Mangelware.

      Die besten Faschismusanalysen sind immer noch Erich Fromms „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941) sowie die Bücher von Arno Gruen, zB „Der Verlust des Mitgefühls“ oder „Der Fremde in uns“.

      In dem Artikel von Witte ist häufig die Rede davon, dass der Hass einem verletzten Gerechtigkeitsgefühl entspringt. Soweit richtig, aber es fehlt die Frage, woher das Beharren auf Gerechtigkeit kommt. Hier ist es wie eine Naturkonstante dargestellt.

      Ich denke aber, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Bedürfnis nach Gerechtigkeit und dem gesellschaftlichen Konkurrenzprinzip gibt.
      Gerechtigkeit ist die Illusion von Fairness in einer Konkurrenzkultur. Illusionen sind Vorstellungen, die zwar unrealistisch sind, aber für das emotionale Gleichgewicht gebraucht werden. Deshalb lösen Verletzungen von Illusionen Emotionen aus.

      Wenn uns das Konkurrenzprinzip eingeimpft wird, ist das eine Einschränkung der kindlichen Erwartung vom guten Leben auf ein „Du kannst gut leben, wenn du besser bist als andere“. Wenn wir das akzeptieren, bekommen wir das Versprechen der Gerechtigkeit dazu geliefert. Wenn uns das nun auch noch genommen wird, stehen wir vor dem Nichts.

      Auch der Nationalismus ist eine Illusion, die Illusion vom besseren ‚Wir‘. Wenn das durch die Realität nicht bestätigt wird, muss jemand, der nicht zum ‚Wir‘ gehört, schuld daran sein. Dann sind „Säuberungsaktionen“ angesagt („Der Dreck muss weg“), um die Illusion wieder aufzupolieren.

  14. Volle Zustimmung zu deinem Artikel. Auf eine Frage „Mit welchen Argumenten begegne ich am besten Flüchtlingsgegnern? “ habe ich geantwortet:

    „Der Hass gegen Flüchtlinge kommt nicht aus der rationalen Ebene, deshalb sind sie für Argumente meist nicht zugänglich.

    Er kommt aus der emotionalen Ebene. Es sind meist Menschen, die sich „zu kurz gekommen“ fühlen. Sie haben den Eindruck, dass ihnen niemand hilft und geholfen hat, und empfinden es als ungerecht, wenn anderen geholfen wird. Noch dazu, wenn das „Fremde“ sind, also nicht zu der Gruppe „Deutsche“ gehören, zu der zu gehören einer der wenigen Umstände ist, auf die sie stolz sein können.

    Wenn es Leute sind, mit denen du öfters zu tun hast, zB Nachbarn, kann es langfristig auch an der Einstellung etwas ändern, wenn du bereit bist, auch ihnen zu helfen. “

    https://www.gutefrage.net/frage/mit-welchen-argumenten-begegne-ich-am-besten-fluechtlingsgegnern

    Daraufhin hat mir ein Freund geschrieben:

    „Das kann ich aus Erfahrung mit mindestens zwei Menschen bestätigen. Beide „Hartz-IV-Empfänger“, die schwer vom JC schikaniert wurden. Und Ausländer gehasst haben (beide im Osten zuhause). Der eine war sogar in braunen Kreisen unterwegs.

    Seit sie Ruhe mit dem JC haben und sich wieder mehr als Mensch fühlen können – der eine macht jetzt sogar als Frontmann selbst Beratung gegen das Jocbenter und wurde schon strafrechtlich verfolgt – interessieren sie sich nicht mehr für die angebliche Bevorzugung der Ausländer.

    Der eine hat jetzt sogar mitleidige Anmerkungen für die Lage der „armen Schweine“ übrig. Der andere ist noch nicht so weit, witzelt aber, dass der andere bald für die Flüchtlinge so Dampf machen würde wie gegen das JC. Und die Vorstellung stört ihn wenigstens nicht mehr.

    Man kann Hass tatsächlich nur mit Liebe „bekämpfen“ und nicht mit Hass.“

Schreibe einen Kommentar zu Woanders – Die zwölfte Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit | Herzdamengeschichten Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.