Wer sind eigentlich "Die da oben"?

Wer sind eigentlich „Die da oben“?

Im Niemandsland zwischen der zurückliegenden US-Wahl und der bevorstehenden Bundestagswahl ähneln liberale Medien derzeit einem Käfer, der auf den Rücken gefallen ist und nicht wieder hochkommt. Da ist der Wille zur Gegenwehr gegen Rechtspopulisten, doch es fehlt an Konzepten, Halbwahrheiten, Lügen, gefühlten Wahrheiten und Behauptungen beizukommen. Ein feste Adresse der Enttäuschten, der Verunsicherten, der Wütenden sind „Die da oben“. Die da oben sind schuld. Die da oben bereichern sich auf Kosten des Volkes. Die da oben kümmern sich nicht um den kleinen Mann. Und so weiter. Dabei vermischen sich im bunten Durcheinander Feindbilder, mal sind mit „Die da oben“ Politiker gemeint, mal Konzernchefs, mal die Medien, mal Linke, mal Banker. Die da oben markiert eine schwammige Elite, eine Personengruppe, die sich zumindest gefühlt auf den oberen Plätzen der Gesellschaftshierarchie herumlümmelt. Denen da oben wollen die Abgehängten eine Lektion erteilen, weshalb sie alle freiheitlichen Grundsätze und jede Form der Selbstbestimmung aufgeben und autoritären Anführern hinterherlaufen, die ihnen suggerieren, einer von ihnen zu sein.

Dass Menschen abgehängt wurden, ist nicht zu leugnen, ausgeblutete, entvölkerte, jeder Hoffnung beraubte Landstriche geben Zeugnis davon, wie wirtschaftlicher Aufschwung und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit direkt nebeneinander leben können. Zeit Online hat vor ein paar Tagen beispielhaft die Verhältnisse in Bitterfeld-Wolfen analysiert, der Stadt, in der die AfD die meisten Wählerstimmen verbuchen konnte. Für jeden, der sich nur ein bisschen für den Rechtsruck in der Gesellschaft interessiert, sollte dieser Text Pflichtlektüre sein, weil er so erschreckend transparent macht, dass Rassismus und Fremdenhass meist die Folge einer Entwicklung sind, die die meisten von uns nachvollziehen können dürften.

Mir machte der Text aber noch etwas klar: wie wenig ich eigentlich darüber weiß, wie alltägliche Lebensumstände zustande kommen. Ich habe natürlich in der Schule die politische Machtverteilung in Deutschland gelernt, Bundestag, Landtage, Kommunen und so weiter. Nicht gelernt habe ich, wie sich diese Machtverteilung auf meinen Alltag auswirkt. Welche Demokratieabteilung gerade die Verantwortung für diese oder jene Veränderung trägt. Ich habe die Bildung, das Umfeld, die Möglichkeiten, mir die Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten, aber wie sieht es mit jemandem aus, der diese Möglichkeiten nicht hat? Etwa, weil ihm die Bildung fehlt oder der Zugang zu Antworten. Oder weil er nach zwölf Stunden Schichtdienst keine Energie mehr übrig hat, sich am Abend Grundfragen der Demokratie zu erarbeiten. Gerinnt für so jemanden nicht die Beobachtung von Missständen, verursacht durch unbekannte Urheber, zu einem „Die da oben“?

Wenn die Mülleimer auf dem Spielplatz gegenüber viel zu selten geleert werden, woran liegt das? Ist die Stadt Berlin schuld oder das Entsorgungsunternehmen? Oder dass, bleiben wir beim Beispiel Bitterfeld, an dem Badesee, der früher für alle zugänglich war, nun private Uferbereiche abgesperrt werden, in denen Villen gebaut werden mit eigenen Bootsanlegern? Wie ist das gekommen, dass ich kurz nach der Einführung des Euro für Schuhe dieselben Summen wie früher bezahlt habe – aber in Euro? Wer hat Schuld daran, dass es in der Grundschule durchregnet, weil kein Geld für Sanierungen da ist? Sind es Politiker? Wenn ja, welcher Partei? Wird über so etwas auf Bundes-, Landes- oder Kommunenebene entschieden? Warum tut niemand etwas dagegen, dass technische Alltagsgegenstände wie Handys so teuer sind, dass man dafür schon einen Kredit aufnehmen muss, wenn man nur wenig verdient? Wie kommt es zustande, dass erzählt wird, mit etwas Flexibilität und Fleiß käme der Wohlstand, aber der kommt gar nicht? Nach 20 Jahren im Betrieb bekomme ich immer noch nur einen Lohn, der kaum zum Leben und erst recht nicht zum Reichwerden reicht. Und wenn also kein Geld für Schulen und Altersheime da ist, warum dann für Notunterkünfte? Wieso muss ich, der ich mein Leben lang malocht habe und nun vor der Altersarmut steht, plötzlich teilen, weil ich angeblich zur wohlhabenden Hälfte der Weltbevölkerung gehöre? Warum soll ich die Globalisierung gut finden, wenn es durch sie in meiner Region weniger Arbeitsplätze gibt und die Bevölkerung nichts von den Gewinnen hat, die Unternehmen dank der Globalisierung machen?

Barack Obama hat viele seiner Wahlversprechen nicht gehalten – das ist die Beobachtung. Dass das aber nicht an der Verlogenheit eines demokratischen Präsidenten liegt, sondern zum Großteil an einem republikanischen Kongress, der viele von Obamas Vorhaben rundheraus sabotiert hat – wissen das alle? Bleibt am Ende nicht ein Gefühl von Enttäuschung über Obamas Präsidentschaft, die nicht die gewünschte Lebensverbesserung gebracht hat? Ist diese Enttäuschung nicht auch das Resultat daraus, dass man den konkreten Ablauf und die konkreten Auswirkungen der Demokratie gar nicht richtig gecheckt hat, weil Politik oft nur abstrakt vermittelt wird, als symbolische Größe, bei der man gar nicht weiß, wie sie umgesetzt wird und ins tägliche Leben hineinreicht?

Ich ahne die Reaktion: es ist die Pflicht des Bürgers, sich zu informieren. Aber wie realistisch ist denn das, wenn Menschen immer mehr arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, oder trotz Job unter der Armutsgrenze leben? Fakt ist doch, dass man freie Kapazitäten braucht, um bestimmte Dinge zu hinterfragen. Zeit, Energie, Intelligenz, Geld. Nachdenken zu können, recherchieren, sich bilden und fragen, ist ein Luxus, den sich viele Menschen, die in einer 40plus-Stunden-Tretmühle gefangen sind, gar nicht leisten können. Die Welt besteht ja nicht nur aus digitaler Boheme, intelligenten, gebildeten Freiberuflern, deren Arbeitsalltag zu 60% aus Prokrastination dem Lesen im Internet besteht. Auch jemand, der nur eine duchschnittliche Bildung und wenig Zeit hat, muss doch die Möglichkeit erhalten, herauszufinden, warum zur Hölle das Dach in der Grundschule nicht geflickt wird oder warum der Lohn trotz jahrelanger Schufterei nicht fürs Leben reicht. Hier liegt ein Wissensvakuum vor, das wie in Bitterfeld bislang nur von der AfD befüllt wird – allerdings nicht mit Fakten, sondern mit Propaganda.

Die – zugegeben noch sehr unreife – Idee, die mir seit ein paar Tagen im Kopf herumschwirrt, ist eine Anlaufstelle, bei der jeder Mensch einfach fragen kann, wer die Verantwortung trägt für eine bestimmte Sache, die ihn stört. Und die darauf mit für jedermann verständlichen Worten wahrheitsgemäß antwortet. Die Auskunft gibt darüber, ob eine politische Entwicklung auf Schwarz, Rot, Grün oder Hellblau zurückgeht – ohne Ideologie, ohne Lagerbildung. Ich meine nicht so etwas wie Schmalbart oder Bildblog, zwei wichtige Korrekturportale, die mediale Lügen und tendenziösen Journalismus im Allgemeinen und im Besonderen aufdecken. Was mir vorschwebt, ist eine Art Bürgerportal, das aber nicht von staatlichen Stellen betrieben wird, das würde nur wieder zu den gleichen unklaren Wischiwaschi-Antworten führen, mit denen etablierte Politiker heute schon reihenweise Wähler verlieren. Ein privates Portal, in dem Menschen nicht für mangelhafte Grammatikkenntnisse verhöhnt werden, sondern in dem jeder Nutzer ungeachtet seiner Bildung, seines Hintergrundes und seiner Herkunft eine verständliche und überprüfbare Antwort für seine enttäuschte Frage bekommt. Es geht nicht um Wertung, nicht um Rede und Gegenrede, darum, Rechte von Links zu überzeugen, sondern darum, dass Menschen, die eine diffuse Wut gegen „die da oben“ haben, erfahren, auf wen genau sie wütend sein können.

Ein Beispiel:

F: Warum soll der Kindergarten im Ort geschlossen werden?
A: Der Kommune fehlt es an Geld, weil nach der letzten Kommunalwahl die Partei XY die Gelder abgezogen hat, um Projekt YZ zu fördern. Davon erhoffte sie sich einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der blieb leider aus und nun ist das Kindergartengeld weg. Derzeit arbeiten die Parteien AB und XY mit folgenden Mitteln daran, die Gelder für den Kindergarten wieder zurückzubekommen: Erstens, zwotens, drittens. Diese Angabe können Sie im Rathaus überprüfen, dort liegen die betreffenden Erlasse der Partei XY aus und können auf Anfrage eingesehen werden.

Die Verständlichkeit ist mir dabei besonders wichtig, weil Wissen und Erkenntnisse in unseren westlichen Gesellschaften viel zu sehr zwischen (hoch-)gebildeten Akademikereliten hin und her gereicht und weniger gebildete Schichten davon ausgeschlossen werden. Solange kaum Wissen seriös an die weniger Gebildeten weitergereicht wird, muss sich niemand wundern über wachsendes Misstrauen und das Gefühl des Abgehängtwerden. Das Konzept „Explain it like I’m 4 years old“, also „Erkläre es mir als sei ich ein Kind“ scheint mir hier ein guter Richtungsweiser zu sein. Auch die Neutralität und die bedingungslose Wahrheitsverpflichtung der Portalschreiber sind dabei essentiell. Wenn eine Instanz Entscheidungen getroffen hat, die die Menschen in der Region überwiegend negativ wahrnehmen, dann muss das exakt so benannt werden, ganz gleich ob es sich bei der Instanz um eher linke oder eher rechte, eher freiheitliche oder autoritäre, um politische, unternehmerische oder mediale Urheber handelt. Eine Lagerbildung oder ideologische Beeinflussung ist um jeden Preis zu vermeiden. Das Wissensvakuum soll nicht länger mit gefühligem Populismus gefüllt werden, sondern mit Wissen.

An der Hierarchie mag sich dadurch zwar nichts ändern, aber vielleicht löst sich dieses diffuse Gefühl, das sei alles eine (linksgrün versiffte) Sauce, auf. Vielleicht merkt der eine oder andere Mensch, dass er zwar bisher dachte, Schuld seien Linke, aber tatsächlich entpuppt sich der ein oder andere Gesetzesentwurf als Resultat der braunschwarzen CSU. Oder wo man glaubte, Angela Merkel trage die Verantwortung für ein Ausbluten der Region, da war es vielleicht in Wirklichkeit der SPD-Bürgermeister, der jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. Vielleicht kann es ein Anfang sein, Menschen wieder weg von gefühlten Wahrheiten zu bringen, hin zu „Was geschah wirklich?“

Vielleicht ist das alles eine Quatschidee, weil nicht realisierbar, weil sich nicht genügend neutrale Antwortschreiber mit stählernen Nerven finden, weil so ein Portal von den beschriebenen Personengruppen gar nicht genutzt werden würde. Ich weiß es nicht. Aber ich finde, es lohnt sich, einfach mal laut zu denken, Ideen, Ergänzungen und Vorschläge zusammenzutragen und Möglichkeiten auszuloten. Jeder ist ausdrücklich eingeladen, mitzudenken, zu erweitern, zu korrigieren, wo ich falsch liege.

Also?

(Titelfoto: Ariel Dovas/Flickr)