Gedankenschauer zu: Goldwater-Regel

Gedankenschauer zu: Goldwater-Regel

Mir fehlt schon länger eine Blogkategorie, in die ich mal eben schnell ein paar Gedanken rotzen kann, auf denen ich nicht seit Tagen und Wochen herumkaue, die nicht ausgeführt, belegt und vielfach gewendet sind, sondern spontane Assoziationen und Gehirnstürmchen, die nur kurz, vielleicht auch mal zu kurz gedacht wurden. Deshalb gibt es jetzt die Kategorie Gedankenschauer und als ersten Beitrag meine Gedanken zur sogenannten Goldwater-Regel.

Die von der Amerikanischen Psychiater Vereinigung erlassene Goldwater-Regel erklärt die Ferndiagnose ohne eingehende Gespräche mit der zu diagnostizierenden Person für unethisch und unseriös. Sie geht auf den amerikanischen Politiker Barry Goldwater zurück, der in den 1960er Jahren durch seine extremen und populistischen Positionen auffiel. Er mauserte sich bis zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner und trat 1964 gegen den Demokraten Lyndon B. Johnson an. Daraufhin erklärten fast 1200 Psychiater und Psychologen in einer Zeitungsumfrage ihre Zweifel an der psychologischen Eignung Goldwaters für das Amt des Präsidenten. Als Reaktion auf die Umfrageergebnisse veröffentlichte die American Psychiatric Association besagte Goldwater-Regel und legte damit einen bis heute gängigen ethischen Standard für die psychiatrische Begutachtung eines Patienten fest. Man könnte Goldwater einen Trump seiner Zeit nennen, denn auch der steht seit seiner Wahl im Visier von Psychiatern und Psychologen, die in einem offenen Brief Zweifel an seinem mentalen Zustand anmelden. Und weil diese Einschätzung auch nur eine Ferndiagnose ist, wird derzeit immer wieder die Goldwater-Regel angemahnt. Mir geistern ein paar Zwischenrufe dazu durch den Kopf.

Die Regel stammt aus einer Zeit, in der eine Ferndiagnose durchaus nicht dasselbe war wie heute, und ich frage mich, ob die Regel heute noch unverändert anwendbar ist.
1. Der Kern der Regel besteht ja daraus, nicht auf Grund mangelhafter, bruchstückhafter Informationen fahrlässig über eine Person zu urteilen. Für die damalige Zeit sehe ich diesen Einwand berechtigt. Langsame, lineare Medien und offizielle, oft einem steifen Protokoll folgende Auftritte scheinen mir recht wenig, um in jemandes Seele zu blicken. Heute aber haben wir einen medialen News-Overkill, unzählige Kanäle blasen 24 Stunden am Tag Texte, Interviews und Videos in die Welt. Die schiere Menge an Informationen, die man nicht nur ÜBER eine Person, sondern auch VON ihr selbst bekommt, unterscheidet sich doch sehr dramatisch zwischen damals und heute.

2. Offizielle Auftritte vs. Eigenaussagen: Wenn man vergleicht, wie Donald Trump Reden hält und wie er twittert, wird der große Unterschied zwischen einem offiziellen Auftritt und einem authentischen Drauflosreden überdeutlich. Seine Reden als Präsident waren allesamt inhaltlich schlimm, ohne jede Frage, aber sie haben nur wenig von seinem infantilen und unberechenbaren Naturell gezeigt, das er jeden Tag bei Twitter zur Schau stellt. Eine Ferndiagnose aufgrund von öffentlichen Reden scheint mir ziemlich steil geschossen, eine Einschätzung aufgrund seines Twitterfeeds schon deutlich fundierter.

3. Lügen im persönlichen Gespräch: Ich frage mich ganz ernsthaft, welche Informationen ein persönliches Gespräch mit Donald Trump ergeben sollte. Narzissten neigen dazu, um sich herum alternative Realitäten zu konstruieren, um ihr großartiges Selbstbild aufrechtzuerhalten. Ich denke, man kann von einer guten psychologischen/psychiatrischen Fachkraft erwarten, dass sie erkennt, wenn sie belogen wird, aber das bedeutet noch nicht, dass sie deshalb die Wahrheit kennt. Oft erfährt man durch Beobachten einer Person mehr über sie als wenn man sie direkt fragt, gerade wenn es um vermeintliche Schwächen geht. Jemand wie Donald Trump würde doch vor niemandem auf der Welt seine Schwächen und Unsicherheiten zugeben, aber wenn er immer wieder über seine Großartigkeit twittert, über seinen angeblich überragenden Intellekt, seine Stärke, darüber, wie unfair es ist, beides nicht anzuerkennen, werden seine Abhängigkeit von Bewunderung und seine Verletztheit sehr offensichtlich. Mir leuchtet im Moment nicht ein, warum es mehr Aussagekraft haben soll, wenn Donald Trump diese Selbstvergewisserungslügen einem Psychiater im persönlichen Gespräch erzählt anstatt der ganzen Welt.

4. „Ich weiß es besser als alle anderen“: Besonders harsche Kritik an dem offenen Brief kommt derzeit von Allen Francis, emeritierter Professor und Leiter der Arbeitsgruppe, die die Kriterien für die betreffenden Persönlichkeitsstörungen 1994 festgelegt hat, der in der New York Times schreibt, „Amateur-Psychologen hätten bei Trump eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnositiziert.“ Der Text selbst ist von großkotziger Überheblichkeit, von einem eitlen „Ich weiß es besser als Ihr alle“-Tonfall, so dass ich Zweifel an der Motivation des Autors hege.

5. Unter einer Persönlichkeitsstörung muss man „leiden“: Francis argumentierte, dass Trumps Art eher andere in Bedrängnis bringe als ihn selbst, dass er nicht unter seiner Persönlichkeit „leide“, weshalb eine Persönlichkeitsstörung bzw. Krankheit auszuschließen sei. Narzissmus fällt wie Psychopathie durch einen Mangel an Mitgefühl und Empathie für Mitmenschen auf. Der Kapitalismus ist nun aber ein System, das diese Gefühlskälte eher belohnt als bestraft. Narzisstische und psychopathische Persönlichkeitsstörungen kommen unter hochstehenden Führungspersönlichkeiten drei- bis viermal häufiger vor als in der restlichen Bevölkerung. Wenn die Störung also dazu führt, dass jemand zwar keine Freunde hat, aber viel Macht und Geld, wie würde man überhaupt beurteilen, ob derjenige darunter „leidet“? Kann die Antwort nicht immer nur allenfalls „Jein“ lauten, weil sie den Gestörten zwar emotional isoliert, ihn aber eben auch in eine gesellschaftliche Alphaposition bringt? Kann Narzissmus mit dieser Bedingung überhaupt jemals das Ausmaß zur Störung/Krankheit überschreiten? Ich frage mich das wirklich, vielleicht fehlt es mir an Wissen über die genannten Persönlichkeitsstörungen, vielleicht übersehe ich etwas.

Im Moment scheint mir das entrüstete Hochhalten der Goldwater-Regel aber eher ein „Das haben wir aber immer so gemacht!“-Reflex zu sein, als wirklich angebracht.

——————————————
Update
In diesem Artikel hangelt sich die Autorin Punkt für Punkt an den offiziellen, von Allen Frances so unbescheiden als sein Einzelwerk proklamierten Definitionen aus dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem Handbuch für psychische Störungen und Krankheiten der American Psychiatric Association, entlang und zeigt, dass sie geradezu bilderbuchartig auf Donald Trump passen. Darüber hinaus gibt sie wertvolle Hinweise, wie man mit Narzissten umgehen kann, wenn man durch welche Umstände auch immer gezwungen ist, in ihrem Umfeld zu leben und zu arbeiten. Unbedingt lesenswert.