Radikalisierungspause

Radikalisierungspause

Fast ein ganzes Jahr befinde ich mich jetzt im Zustand gellender innerer Aufgeregtheit. Während der Arbeit an meinem Geschlechterbuch ereilten mich im Frühjahr 2015 einige Erkenntnisse, die mir völlig den Boden unter den Füßen weggezogen haben (welche, steht dann in dem Buch). Mir wurde klar, dass alles mit allem zusammenhängt und kein popeliges Gesetz, keine Quote, kein Kündigungsschutz für Mütter, kein Erziehungsgeld die Gesellschaft auch nur einen My freier machen, die Gewalt gegen Frauen beenden, das Geschlechterverhältnis befrieden würde. Ich begann, mich innerlich von diesem Leben, das wir alle in diesem System führen, zurückzuziehen. Mein Wunsch nach Flucht raus aus der Zivilisation wurde immer größer, ich habe es kaum noch ertragen, Teil der Gesellschaft zu sein. Ich musste oft an Jean-Baptiste Grenouille denken, den Jungen mit der absoluten Nase aus Patrick Süskinds „Das Parfum“, der sich auf einem Berg in eine nackte Höhle zurückzog, weil er den Gestank der Welt nicht mehr ertrug. Ich ertrug den Gestank der Zivilisation nicht mehr und den Sommer verbrachte ich in einem ziemlich tiefen Loch.

Dann kam die Flüchtlingskrise und alles Erschütternde, das mir in den Monaten vorher über Kapitalismus und Freiheit klargeworden war, wurde auf die schlimmstmögliche Weise bestätigt. Die besitzbasierte Zivilisation zeigte ihr Gesicht in all seiner Hässlichkeit, während im Mittelmeer Menschen ertranken und vor dem LaGeSo in Berlin schwangere Frauen kollabierten. Freiheit ist nur dann gut, wenn wir reichen Industriemenschen darüber bestimmen, wer frei ist. Wohlstand, das ist nur gut, solange die, denen wir den Wohlstand verdanken, nichts davon abhaben wollen. Das grenzenlose Europa redete plötzlich von nichts anderem als gesicherten Außengrenzen als seien die verzweifelten Menschen, die vor Tod, Folter und Krieg fliehen, der fleischgewordene „Krieg der Welten“. Ich stellte jeden Konsum (außer Lebensmittel) ein, nichts, was ich kaufte, sollte helfen, dieses menschenverachtende, kapitalistische System am Leben zu erhalten, ich kaufte keine Kleidung, keinen Schnickschnack, wenn ich Bücher für die Arbeit brauchte, versuchte ich, sie gebraucht zu bekommen oder zumindest direkt bei den Verlagen. Ich schrieb zehn große Kleidungs- und Schnickschnackfirmen an und fragte nach ihren Produktionsbedingungen, weil ich versuchen wollte, mein Einkaufsverhalten meiner gewandelten Haltung anzupassen. Einige antworteten gar nicht, der Rest ließ ausnahmslos (keine.einzige.Ausnahme.) in Billiglohnländern produzieren, immer mit den ekelhaftesten Anpreisungsfloskeln. „Damit wir Ihnen als unserer Kundin immer den günstigsten Preis bieten können“.

In mir tobte ein Sturm. An allen Fronten fühlte ich mit, ich hatte nicht mehr nur ein Kernthema, an dem ich mich abarbeitete, einfach alles war mir unerträglich. Der Rechtsruck, das Flüchtlingselend, der Feminismus, das Geschlechterverhältnis, die Politik, die Demokratie, Die „Diskussions““kultur“ im Internet. Medien, soziale und Nachrichten, bliesen eifrig ihre Floskeln gegen diese schlimmen Entwicklungen an. Ja, man müsse jetzt kühlen Kopf bewahren, es sei noch nicht alles entschieden, die Sorgen der Wähler ernstnehmen, Signale verstehen. Was soll diese Phrasendrescherei? In Österreich wurde gerade eine Nazipartei mit über 30% gewählt, was soll die Augenwischerei? Was soll der Glaube an Demokratie als beste Staatsform? Jemand schrieb irgendwann in den letzten Monaten, die NSDAP sei 1933 auch demokratisch gewählt worden, ein zynischer und in seiner Klarheit kaum zu ertragender Satz. Eine Demokratie ist nur so gut, so stabil, so weltoffen wie die Parteien, die die Menschen wählen können. Wir sehen gerade überall in Europa, dass die Angst um Status, um den Zweit- und Drittwagen, die Angst vor Veränderung, die Menschen zu engstirnigen, hartherzigen, paranoiden Schrebergartenbesitzern mutieren lässt. Rechte Parteien gewinnen überall Wähler und alle erzählen, es sei noch nichts entschieden, man dürfe den Kopf nicht verlieren, man müsse mit den Menschen reden. Seit einem Jahr reden alle mit den Menschen, versuchen aufzuklären, Barrieren abzubauen, Verständnis zu fördern, aber das wollen die gar nicht hören. Da greift irgendein uralter Ressourcenwahrungsinstinkt, der alles Menschliche zur Disposition stellt.

Ich kann nicht mehr, ich kann nicht. Ich kann die Nachrichten nicht mehr lesen, weil ohnehin immer das gleiche drinsteht: Rechts gewinnt, wieder ein Selbstmordattentat irgendwo, die Wirtschaft braucht mehr Wachstum (HA!). Und dazu die passende Phrasendrescherei, die Politik der kleinen Schritte. Hier ein Gesetzchen, da eine Forderung, dort ein Diskussiönchen, aber an der grundsätzlichen Richtung dreht niemand. Zu radikal, geht nicht, Traditionen wahren, festhalten an allem. Besitzbasierung ist schon richtig, man muss sie nur gerecht gestalten. Ich halte das für unmöglich. Und jetzt sitze ich hier und schreibe einen hysterischen Blogartikel, den ich vermutlich morgen bereuen werde. Die Verzweiflung, die Fassungslosigkeit, die Unerträglichkeit meiner eigenen Hilflosigkeit, all das ist weg, weil ich leer bin. Ich habe vor ein paar Wochen wieder angefangen, Dinge zu kaufen. In erster Linie, weil ich sie brauchte, mehrere Oberteile waren mir unreparierbar kaputtgegangen, aber ich kaufe wieder.

Keine Ahnung, ob da endlich irgendein Selbstschutz bei mir greift, bevor ich völlig den Verstand verliere, aber im Moment umfängt mich bleierne Erschöpfung. Ich lese extrem wenig Nachrichten, auch bei Twitter bin ich nur selten. Bei Ello schreibe ich hin und wieder, aber zu irgendeiner gesellschaftlichen Entwicklung habe ich nichts zu sagen, ich habe mich im letzten Jahr in meinem Blog daran leergeschrieben mit aller Empathie, die ich dafür aufbringen konnte. Abends schaue ich Serien auf den elektronischen Luxusgeräten, die ich dem Kapitalismus zu verdanken habe, tagsüber schreibe ich oder – ha! – lackiere mir die Nägel. Ich möchte mal wieder eine Nacht ruhig und ausreichend schlafen, ohne Albträume und ohne vorher Tabletten zu nehmen. Vielleicht mal wieder lachen. Das Gefühl haben, dass man ein winziges Quäntchen Energie übrig hat und nicht immer auf Reserve läuft.

Ich sehe mich immer noch als Gegner des Systems, weil ich die Demokratie, die Politik, den Kapitalismus, weil ich die Strukturen, die der Mensch von seinen jungsteinzeitlichen Erkenntnissen abgeleitet hat, ablehne, aber wie ich das umsetzen kann, ohne mich an Schienen zu ketten, Steine zu schmeißen oder der nächste Una-Bomber zu werden, weiß ich nicht. Vermutlich muss ich noch viel lernen als Systemfeind.

Pause.