Maßstäbe, Mustererkennung, Stooges

Maßstäbe, Mustererkennung, Stooges

Das Buch geht nicht voran. Seit Wochen bin ich wie gelähmt und bekomme einfach nicht mehr zusammen als ein paar Sätze. Pro Woche. Am Anfang habe ich mich allzu gerne vom Mann beruhigen lassen, der das für eine vorübergehende Blockade hält, aber angesichts der Tatsache, dass ich an dem Schinken seit über einem Jahr herumschreibe, scheint mir das nicht länger glaubwürdig. Immer deutlicher steht es mir vor Augen, dass ich wiederkehrende Probleme habe, meine Gedanken regelmäßig sortiert zu Papier zu bringen, so dass das Buch wenn auch langsam, aber doch allmählich wächst. Viel nachgedacht habe ich darüber, viel geweint, viel wütend geworden, viel alles. Letzte Nacht lag ich wieder stundenlang wach und dachte darüber nach, warum ich nicht schreiben kann. Und langsam glaube ich, drei Faktoren benennen zu können, die mich zuverlässig daran hindern, meine Gedanken über den Zustand der Welt, den Zustand der Geschlechter anderen nachvollziehbar zu machen.

Maßstäbe

Mein Ansatz bei der Suche nach den Gründen, weshalb alles so schief läuft auf der Welt, war, in der Zeit zurückzureisen. Ganz zurück, zehntausend, hunderttausend Jahre. Wege nachzuvollziehen. Scheidepunkte ausmachen. Den Zweck evolutionärer Entwicklungen verfolgen und den Punkt, an dem sich dieser Zweck durch Kultur und Zivilisation veränderte. Es war eine lange, lange Reise, unendlich faszinierend. Und unendlich ernüchternd. Denn mehrere Dinge wurden mir dabei klar.

Zum einen die Maßstäbe. Selbst die erfolgreichsten Erfindungen, die sich schneller durchgesetzt haben als andere, brauchten dafür mehrere hundert, meistens sogar mehrere tausend Jahre. Bis ihre Folgen deutlich wurden, vergingen Zeiträume, die kein Mensch überschauen kann. Vor einem Zeitraum von tausend Jahren wird deshalb nahezu alles bedeutungslos. Der Kampf von Menschenrechtsbewegungen, die sich seit Jahrzehnten den Arsch aufreißen, um die Welt gerechter zu machen, erscheint lächerlich und von kindlicher Naivität. Was sind schon Jahrzehnte im Vergleich zu zweitausend Jahren? Wie dumm und vermessen ist es zu glauben, irgendetwas von dem, was wir heute, gestern oder vor 50 Jahren getan haben, hätte vor einem Zeitraum von 1000 Jahren Bestand?

Zum anderen die schiere Größe der Erkenntnisse. Je weiter ich zurückging, je intensiver ich mich mit den großen Meilensteinen der Menschwerdung befasste, desto deutlicher trat mir vor Augen, dass der Fehler im System, der Zivilisation selbst liegt. Wir haben, salopp gesprochen, von Anfang an alles falsch gemacht – den Umgang mit Sex, den Umgang mit Tod, den Umgang mit Besitz. Diese Dinge sind aber so tief in unserer Zivilisation verankert, dass man sie nicht rückgängig machen kann. Oder mit kleinen Schritten korrigieren, wie wir Zivilisationsmenschen das seit hundert Jahren versuchen. Die Folgen dieser Initialfehler sind so sehr Teil unserer Zivilisation, dass es allein schon unmöglich ist, Menschen davon zu überzeugen, dass das, was sie als normal und richtig empfinden, eine katastrophale Fehlentwicklung ist, die die Menschheit zerrütten wird wie nichts sonst. Von einer Korrektur ganz zu schweigen.

Auch wenn ich noch nicht ganz aufgegeben habe – im Grunde bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die menschliche Omnipotenz, die Fähigkeit, die Welt nach freien Willensentscheidungen zu gestalten, nichts als eine Illusion ist. Wir können nichts mit Willenskraft ändern, nicht heute, nicht morgen, die Zivilisation, die sich der Mensch vor rund 6000 Jahren geschaffen hat, verändert den Menschen, nicht umgekehrt. Mir bleibt nur die Aussicht, dass das System, wie wir es kennen, eines Tages, vielleicht nach einer längeren Erosion, wegen seiner Dysfunktionalität aufhört zu existieren.
Wenn also niemand etwas ändern kann, auch ich nicht und mein Buch nicht, wenn nichts von dem, was wir Menschen tun, Bedeutung hat, warum dann überhaupt Energie in das Buch stecken? Ich weiß es im Moment nicht.

Mustererkennung

Ich leide schon mein ganzes Leben unter der Angst, dass meine Worte kein Gewicht haben, dass man mir nicht glauben wird. Das liegt im Wesentlichen daran, dass ich mich oft in anderen Referenzsystemen bewege als andere Menschen, und sie deshalb nicht nachvollziehen können, wovon ich gerade spreche. Es klingt blöd, muss aber raus, deshalb sag ich’s jetzt: ich sehe oft Muster, wo andere nur Chaos sehen. Ich sehe weiß, wo andere schwarz (oder andere Farben) sehen. Ich weiß nicht, warum das so ist, ob das vielleicht mit meiner Hypersensibilität zusammenhängt, die macht, dass ich viel mehr Dinge viel feiner wahrnehme als andere. Dass ich zwischen den Zeilen lese, wo andere nur leeres Papier sehen. Wenn ich in einen Raum mit Menschen komme, spüre ich zum Beispiel sofort, wie die Menschen sind, ob sie glücklich sind oder nicht, ob sie inneren Frieden haben oder in sich und mit sich leiden. Meine Trefferquote dabei ist sehr hoch, aber auf die Frage, woran ich das festmachen kann, habe ich kaum eine Antwort. Ich sehe das eben. Menschen, die das nicht sehen, glauben mir nicht, sie empfinden meine Äußerungen als dreiste Behauptungen, vollkommen aus der Luft gegriffen.

Meine Frau und meine Schwiegermutter Oft habe ich das Gefühl, aus der Vogelperspektive auf Dinge zu schauen, während alle anderen bis zu den Knie darin herumwaten. Vielleicht ist das vergleichbar mit dem Kippbild „Meine Frau und meine Schwiegermutter„, bei dem man wahlweise eine alte Frau mit krummer Nase oder eine junge Frau, die sich abwendet, sieht. Während die Welt auf die alte Frau starrt, sehe ich die junge, oder umgekehrt. Andere optische Täuschungen taugen genauso als Metapher. Das schwarz-weiße Gittermuster, an dessen Kreuzungspunkten das menschliche Auge dunkle Flecken wahrnimmt, zum Beispiel. Während alle anderen felsenfest davon überzeugt sind, in einem dunklen Fleck zu stehen, sehe ich das Gittermuster ganz klar. Ich sehe Muster, Gesetzmäßigkeiten, Prinzipien so deutlich wie meine eigene Hand, aber ich schaffe es kaum, anderen Menschen diese Vogelperspektive nachvollziehbar zu machen.

Mitunter scheitern selbst Gespräche zwischen dem Mann und mir an dem Punkt, an dem er mich verständnislos anschaut und fragt, wie ich zu dieser oder jener Aussage komme, und ich dann nichts erwidern kann außer „Das sieht man doch“. Ein Teil dieses Problems lässt sich wegpuffern durch Recherche, aber ich habe die Verständnislosigkeit der anderen zu oft erlebt, um zu wissen, dass ich es immer schwer haben werden, Thesen unter die Leute zu bringen. Wenn ich also ein Buch schreibe, in dem es ausschließlich um Muster geht, um Prinzipien, um den Blick aus der Vogelperspektive auf das große Ganze, dann weiß ich jetzt schon, dass ein Großteil der Leser alles, was ich sehe und erkenne, ablehnen wird, weil er es nicht sehen kann und ich mich nicht erklären kann. Das frustriert und entmutigt.

Stooges

Nicht schreiben zu können, hat in den seltensten Fällen etwas damit zu tun, dass ich keine Ideen habe. Tatsächlich habe ich eher zu viele Ideen. Meine Gedanken sind oft wie die drei Stooges, die zeitgleich versuchen, durch eine Tür zu gehen, und sich dabei im Türrahmen verkeilen. In meinem Kopf herrscht die meiste Zeit ein vielstimmiges Gesumm, zu viele Gedanken wollen gleichzeitig durch die Tür, respektive auf das Papier und blockieren sich dabei gegenseitig. Das befruchtet sich auf ganz hinderliche Weise mit der Größe meiner Erkenntnisse. Wenn alle Aspekte gleichwichtig und gleichlaut sind, wie soll man da einen Anfang finden? Ja, Meike, sag doch mal, was ist denn nun der Fehler in der Zivilisation? Und die Antwort lautet „Alles“. Alles war falsch. Und das Schlimme ist dabei auch noch, dass die verschiedenen falschen Dinge sich auch noch gegenseitig beeinflussen und verstärken, jeder Fehler ist Ursache und Folge eines anderen Fehlers.

Wie soll man das sortieren? Wie soll ich meine Gedanken dazu bringen, sich brav in eine Reihe zu stellen, eine Nummer zu ziehen und dann schön gesittet einer nach dem anderen durch die Tür auf das Papier zu gehen? Ich weiß es nicht. Ich stehe vor einem undisziplinierten Haufen, in dem jeder „Ich zuerst!“ schreit, und es ist mir oft einfach nicht möglich, bei diesem Getöse auch nur einen geraden Satz zu Papier zu bringen. Im Zusammenspiel mit den anderen Gründen, der allgemeinen Bedeutungslosigkeit von allem und meiner Angst, dass mir nicht geglaubt wird, ergibt sich eine zähflüssige Masse um meine Beine, die mich nicht vom Fleck kommen lässt. Und deshalb verharre ich zwischen Entsetzen und Resignation, Nervenzusammenbruch und Loslassen und warte darauf, dass irgendetwas passiert.

Vielleicht könnte der Kollaps von allem sich ja mal ein wenig beeilen, dann bleibt mir alles erspart. Das Ausgelachtwerden, die Sisyphosarbeit, das Geschrei in meinem Kopf. Dann ist endlich Ruhe und ich finde Frieden in der Gewissheit, dass ich Recht hatte und alle anderen jetzt schön blöd gucken.