Buzz-Report Feminismuskritik

Buzz-Report Feminismuskritik

Mein vorgestern bei Zeit Online erschienener Text, in dem ich die derzeitige Ausgestaltung der Frauenbewegung kritisiere, hat – nicht ganz überraschend – in den sozialen Medien ein großes und sehr vielfältiges Echo hervorgerufen. So groß und so vielfältig, dass ich auf einiges davon hier eingehen möchte. Das wird keine inhaltliche Aufarbeitung, sondern ein Blick auf die dem Text folgenden Reaktionen und meinen Umgang damit. Meta, wenn man so will.

Bei den meisten längeren Antworttexten hatte ich noch keine Ruhe, sie zu lesen. Es ging gestern in meinem Twitter-Account zu wie in einem Bienenstock, die Kommentare gingen gefühlt viertelsekündlich ein. Zusätzlich versuchte ich, bei den Kommentaren unter dem Artikel einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, denn offenbar bin ich die einzige schreibende Person im ganzen Internet, die Kommentare lesen will und das auch tut. Gleichzeitig jonglierte ich Mails und DMs, die laufend bei mir eintrudelten, versuchte mehrere Diskussionsstränge parallel bei Twitter zu verfolgen und war nachmittags um vier fix. und. fertig. Ich werde die Antworten in den nächsten Tagen nach und nach lesen und mich dann damit inhaltlich auseinandersetzen (ohne dass ich versprechen kann, mich zu allen zu äußern). Das nur vorab.

Feuer und Öl

Zu dem Inhalt meines Artikels stehe ich nach wie vor, aber Kritik sollte natürlich immer konstruktiv sein und eine Situation nicht unnötig verschärfen. Ein Missverständnis entsteht nie nur beim Empfänger, sondern auch beim Absender, weshalb ich die Reaktionen zum Anlass genommen habe, den Text selbstkritisch zu beleuchten. Obwohl ich ihn keineswegs im wütenden Affekt, sondern wohlüberlegt und über einen längeren Zeitraum geschrieben habe, merke ich an den Reaktionen, dass er an einigen Stellen zu ungenau bzw. harsch war. Hier und da fanden sich unnötige Rempler, Ironie wurde offenbar nicht deutlich, einige Stellen waren nicht nachvollziehbar genug hergeleitet. Als Bloggerin bin ich es gewohnt zu schreiben wie mir der Schnabel gewachsen ist und ich merke jetzt, da ich Urheberin eines Textes bin, der um die 90.000 Mal angeklickt wurde, dass das durchaus zu vermeidbaren Diskussionen führen kann. Ich werde künftig besser aufpassen, nicht missverständlich oder fahrlässig verletzend zu sein, damit der eigentliche Inhalt auch gehört wird.

Die kritikunfähige Kritikerin

Relativ schnell wurden Beschuldigungen laut, weil ich mich nicht schnell, angemessen und zufriedenstellend genug mit Kritik auseinandergesetzt habe. Davon einmal abgesehen, dass ich wegen des Chaos noch gar nicht alle Kritiken gelesen habe, dazu drei Punkte.
1. Schmähungen meiner Person, das mehrfach herausgekrähte „Ich habe den Text gar nicht erst gelesen, ich weiß auch so, dass er Mist ist!“ oder bewusst verfälschende Zusammenfassungen dieses >15.000-Zeichen-Textes auf einen einzigen Satz („Meike Lobo hält den Feminismus für überflüssig“, „Meike Lobo will, dass Feministinnen gefällige Lächelmäuschen sind“) empfinde ich nicht als Kritik, sondern als mutwillige Verzerrung und unreifes Gekreisch, auf das ich mir erlaube, nicht einzugehen. Montag Abend twitterte ich deshalb, ein Großteil der Reaktionen ließe sich mit einem „Q.e.d.“ zusammenfassen, sei also die Bestätigung meines Vorwurfs der Unsachlichkeit und Unreife. Dazu stehe ich. Reaktionen wie die genannten sind exakt der Grund, weshalb die Außenwirkung des Feminismus so beschissen ist und ich den Text schrieb.
2. Ich bin nicht bei Facebook. Alles, was dort an Diskussion und Kritik passierte, ist mir unbekannt und wer dort auf eine Reaktion von mir wartete, tat das vergebens. Ich hoffe, alle hatten dort trotzdem ihren Spaß und bedaure, nicht dabei gewesen zu sein. Aber ist eben so.
3. Ein guter Teil der Äußerungen auf Twitter waren Nonmentions, also Tweets ohne Namensnennung ÜBER mich und nicht AN mich. Nonmentions sind das Äquivalent zum Hinter-dem-Rücken-Lästern, sie sind das Krebsgeschwür von Twitter, weil sie dem Kritisierten jede Möglichkeit nehmen, in irgendeiner Weise zu reagieren. Man kann das machen, wenn man das für einen vertretbaren Stil hält, absurd wird es dann nur, wenn aus solchem Umfeld Beschwerden darüber kommen, dass ich nicht auf Kritiker eingehe. Ich habe keine Spione, die die sozialen Medien nach Tweets über mich durchkämmen, damit ich nur ja nichts von der Diskussion verpasse. Wenn mein Name oder der Link zum Artikel nicht in dem Tweet enthalten war, habe ich ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht oder nur durch Zufall, beispielsweise durch eine Reply von Dritten, gesehen.

Weltfrauentag

Die Veröffentlichung des Artikels pünktlich zum Weltfrauentag wurde von vielen als Provokation verstanden, was ich gut nachvollziehen kann. Als Beitrag zu einem so wichtigen Symboltag habe ich meinen Text nie gesehen, aber die Entscheidung, wann er veröffentlicht wird, lag nicht in meinen Händen. Der Text war seit Wochen fertig und der Redakteur, der die Entstehung des Textes begleitet hat, kann ein Lied davon singen, wie oft ich herumgenervt habe, wann er endlich erscheint.

Blockadeverdruss

Über das Zurechtblocken von Filterblasen wird ja dieser Tage viel geschrieben und ich gehörte früher auch zu denen, die schneller blocken als ihr Schatten. Ich habe in den letzten Wochen allerdings immer mehr gemerkt, dass ich mir selbst etwas mit dem Blocken nehme, nämlich die Möglichkeit, mir ein vollständiges Bild zu machen. Ich kann zwar das geblockte Profil aufrufen und die Tweets nachlesen, aber da geblockte Personen bei Twitter völlig unsichtbar werden, nirgendwo mehr auftauchen, außer wenn sie irgendwo in Replies erwähnt werden, vergesse ich, dass es sie überhaupt gibt. Wortbeiträge einer Diskussion zu lesen, eingebettet im Kontext des Themas, ist schlicht nicht mehr möglich.
Natürlich blocke ich auch – Leute, die Hitlerbilder verbreiten, zu Gewalt aufrufen, mich persönlich beleidigen oder Gewalt gegen Frauen als Mythos bezeichnen. Aber bis auf zwei Hardcore-Maskulisten, die ich vorher offenbar noch nicht geblockt hatte, habe ich in den letzten zwei Tagen keine einzige Person geblockt. Einige habe ich stumm geschaltet, so dass sie mir nicht in meinen Notifications, wohl aber im jeweiligen Diskussionsstrang angezeigt werden. Dadurch bleibt mein Seelenfrieden gewahrt und ich muss nicht ständig mit den Zähnen knirschen, gleichzeitig akzeptiere ich aber, dass die Person weiter Teil dieser schönen und schrecklichen Internetwelt ist.
Ich finde das Letztere wichtig, weil ich glaube, dass dieses Filterbubble-Ding gefährliche gruppendynamische Prozesse in Gang setzen kann, weil man sich immer als Teil einer Mehrheit wähnt. Ich kann das deshalb nur empfehlen.

Gewinn durch Überwindung

Neben all der Lautstärke hatte ich einen kleinen, sehr lehrreichen Moment mit Juliana Goschler, Betreiberin des Blogs Dr. Mutti, das ich hier in der Vergangenheit auch schon verlinkt habe. In einer Nonmention beschwerte sie sich über meine mangelnde Kritikfähigkeit und ich war im ersten Moment verärgert, weil es a) eine Nonmention war (ich war nur per Zufall darauf gestoßen) und ich b) die Beschuldigung als nicht gerechtfertigt empfand. Es kostete mich Überwindung, aber ich schickte ihr eine steife Reply, in der ich (wie in diesem Text jetzt auch für alle sichtbar) meinen „Q.e.d.“-Tweet erklärte. Wir schrieben ein wenig defensiv hin und her und dann – magique! – wurde plötzlich der Ton bei beiden etwas weicher, etwas bereiter, der anderen zuzuhören, etwas gewillter, ihr Verhalten nicht nur auf die schlechtestmögliche Weise zu interpretieren.
Ich weiß nicht, ob Juliana das ähnlich empfunden hat, aber für mich war die Überwindung zu einer sachlichen, höflichen Reply wertvoll, weil ich dabei etwas gelernt habe. Ja, ich war sauer, ja, mein erster Impuls war, sie wegen der Nonmention in Grund und Boden zu blocken und alle, die den Tweet gefavt hatten, gleich mit, aber es nicht zu tun, hat zu einem kurzen Austausch geführt, der die Grundlage geschaffen hat für weiteren Diskurs. Und das fand ich ziemlich beeindruckend, weil das für mich als impulsiven Bauchmensch, der sich so gut wie nie mit spontanen Reaktionen zurückhält, tatsächlich überraschend kam. Ich werde das in Zukunft öfter versuchen und kann das auch anderen nur empfehlen.
(Ich habe Julianas Blogreplik immer noch nicht gelesen, werde mir aber in den nächsten Tagen die Zeit dafür nehmen.)

Schlusswort

Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass der Eindruck entstand und verbreitet wurde, ich fordere einen leisen, gefälligen, anbiedernden Feminismus. Ich weiß nicht, ob der Text wirklich so missverständlich war, ob es an dem nicht von mir geschriebenen Zeit-Online-Teaser lag, in dem von „zu laut, zu wütend“ die Rede war, oder ob diese Leser und Leserinnen einfach, nun ja, freigedreht haben. Ich finde einen unbequemen Feminismus vollkommen okay und oft auch notwendig, aber laut und wütend für wichtige Dinge einzustehen, ist nun einmal etwas anderes als laut und wütend für nichtige Dinge einzustehen. Mich stört am Feminismus nicht, dass er laut ist, sondern dass er in weiten (und eben besonders lauten) Teilen destruktiv ist. Weil ich befürchte, dass er dadurch letztlich den Frauen, die ihn brauchen, mehr schadet als er nützt. Etwas anderes steht nicht in dem Artikel.
Nachtrag: in dieses abwegige Horn stößt leider auch die Replik von Nils Pickert von „Pink stinks“, die heute bei Zeit Online erschien.