Die Enden der Skala

Die Enden der Skala

Evolution ist etwas, das man, obwohl es in jeder Sekunde passiert, nicht sehen kann. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Veränderungen, die sie bewirkt, nicht sprunghaft auftreten, sondern sich nach und nach, mit jeder Generation ein Stückchen mehr ausprägen. Bis man wirklich deutliche Veränderungen bei einer Art wahrnimmt, vergehen je nach Generationslänge einige Tagen bis tausende von Jahren. Jede Generation unterscheidet sich kaum von der vorhergehenden, man kann die minimalen Abweichungen leicht mit der normalen Variation eines Merkmals oder Verhaltens verwechseln und so niemals auf die Idee kommen, dass man sich gerade mitten in einer artumwälzenden Revolution befindet. Erst wenn man die Enden der Skala betrachtet, die erste und die letzte Generation, wird das ganze Ausmaß der evolutiven Anpassung deutlich. Es hat geologische Ewigkeiten von der ersten körperlichen Aufrichtung des Australopithecus afarensis bis zum aufrechten Gang des Homo erectus gedauert. Hätte man jede einzelne Generation während dieser sich über Millionen von Jahren hinziehenden Entwicklung gefragt, ob gerade irgendetwas Besonderes passiert, sie hätten vermutlich verneinend gegrunzt. Am Ende der Skala aber stand ein Wesen, dem seine neue Fortbewegungsweise die ganze Welt eröffnete, Lebensräume und Strecken, die für seine gebückteren Vorfahren unmöglich zu erschließen gewesen wären.

Die Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen verhält sich ganz ähnlich. Jede Generation unterscheidet sich kaum von der vorherigen. Jede Generation Eltern schimpft über jede Generation Kinder, über deren Musik, deren Kleidungsstil, deren Sprache und Verrohung. Jede entsetzte Reaktion auf technische Neuerung ist genauso schon einmal da gewesen, bei der Erfindung des Buchdrucks sagte man ebenso den Untergang des Abendlandes voraus wie bei der Erfindung des Internets. Wir stehen vor solchen Phänomenen, schütteln schmunzelnd den Kopf, denken versonnen „Jaja, so war es immer und so wird es immer sein“ und fühlen uns sehr geborgen in dem wohligen Gefühl, dass sich fast nichts ändert. Die ebenso beruhigende wie trügerische Floskel angesichts unschöner, aktueller Entwicklungen lautet stets „Das gab es schon immer, das Internet hat sie nur sichtbar gemacht“.

Augen zu und durch

Wir tun alles dafür, um nicht zuzugeben, dass der Mensch sich verändert, dass die Gesellschaft sich verändert. Wir stecken uns die Finger in die Ohren und machen „Lalala!“, wenn es darum geht, überhaupt nur in Erwägung zu ziehen, dass die vom Menschen geschaffene Zivilisation global, langfristig und schädlich auf ihn zurückwirken könnte. Kulturpessimisten nennt man die, die es tun, Demut vor den Grenzen und möglichen Konsequenzen menschlichen Handelns ist unsere Sache nicht, wenn wir ganz ehrlich sind.

Damit dieses Ignorieren überhaupt gelingen kann, betrachtet jede Generation nur sich selbst, mehr als fünfzehn oder zwanzig Jahre haben wir als Gesellschaft selten im Blick. Die Warnungen der WHO vor einer überalterten Welt, in der sich die Zahl der Demenzfälle in den nächsten dreißig bis fünfzig Jahren verdoppeln wird, ignorieren wir, weil: „Hey, dreißig Jahre, was kümmert mich, was in dreißig Jahren ist?!“ Dreißig Jahre ist ein Zeitraum, den die meisten Menschen meines sozialen Umfeldes noch selbst erleben werden.

Damit dieses Ignorieren überhaupt gelingen kann, betrachtet auch jedes Land nur sich selbst, mehr als eine Handvoll Länder haben wir als Gesellschaft selten im Blick. Den dramatischen Meldungen zum Wachstum der Weltbevölkerung begegnen wir gelassen, denn 1.) leben wir – haha, Gottlob! – im Land mit der zweitniedrigsten Geburtenrate der Welt und 2.) betrifft das ja nur die anderen, die Entwicklungsländer. Konflikte und Kriege in anderen Ländern, drüben bei den Heiden? Das geht uns nichts an, da halten wir uns heraus. Andere Länder, andere Sitten, andere Probleme. My country is my castle.

Zustände

Das ist tückisch und gefährlich, denn nichts verhütet Gegenmaßnahmen bei problematischen Entwicklungen so zuverlässig wie die mangelnde Problemeinsicht. Dinge, die schon immer da waren, sind wie schlechtes Wetter, „Kann man nix bi moken“, wie der Hamburger sagt, das muss man hinnehmen und sich halt die Gummistiefel anziehen. Wir lügen uns die Welt schön und die Probleme überschaubar, damit wir nicht mit den Enden der Skala konfrontiert werden und dabei erkennen müssen, dass eine Entwicklung und ihre Folgen vielleicht doch größer sind als wir es uns wünschen.

Es gibt heute weniger Kriegstote als früher? Hurra, sagt der Ökonom Max Roser, und ignoriert, dass das vielleicht nur deshalb so ist, weil heute viel mehr Menschen flüchten als früher und dem Tod durch Krieg so entgehen. Oder weil es heute Waffen gibt, die im Vergleich mit einer herkömmlichen Fliegerbombe mit grauenerregender Präzision arbeiten. Außerdem ignoriert er bei seinem Jubel, dass wir in einer Zeit, in der Konflikte immer häufiger dezentral und immer seltener durch uniformierte Armeen ausgetragen werden, den Begriff „Krieg“ ganz neu denken müssen. Ebenso wie den Umstand, dass die Anzahl der weltweiten innerstaatlichen Krisen und Konflikten seit Jahrzehnten ansteigt. Gewalttätige Auseinandersetzungen haben nämlich etwas mit der Bevölkerungsdichte zu tun, wo sich Menschen begegnen, gibt es Krieg, das ist die beschämende Quintessenz der Menschheitsgeschichte. Die ersten Nachweise kriegerischer Auseinandersetzungen sind gerade einmal gut 13.000 Jahre alt („Cemetery 117“), vorher war die Bevölkerungsdichte schlicht zu gering, als dass es überhaupt Gelegenheit für Streit gegeben hätte. Wo wir also als Menschheit alles dafür tun, dass die Bevölkerung weiter wächst, tun wir alles dafür, dass auch die Zahl der Konflikte weiter steigt.

Apropos Überbevölkerung: Heute hungern weniger Menschen auf der Welt als vor dreißig Jahren? Potztausend, dann sind wir als Menschheit ja auf dem richtigen Weg! Verdrängt ist der Umstand, dass es vielleicht weniger als vor dreißig Jahren sind, aber immer noch vielfach mehr als vor der Kolonialisierung etwa oder vor der Industrialisierung, vor dem explosionsartigen Anstieg der Weltbevölkerung, der jede Form von natürlichem Gleichgewicht quasi von jetzt auf gleich (also innerhalb von wenigen Dekaden) beendet hat. Wo wir in kindlicher Naivität über die steigende Lebenserwartung und sinkende Sterblichkeit der Menschen jubeln, blenden wir schlicht aus, dass es kein Gleichgewicht ohne den Tod gibt, dass jedes Wachstum in einem geschlossenen System, wie es der Planet Erde eines ist, endlich ist.

Die Frauenbewegung hat so viel erreicht, dass Frauen bis auf kleine Details gleichberechtigt und in Sicherheit sind? Falsch. Gewalt gegen Frauen ist ein weltweites Phänomen und unterscheidet sich zwischen Erster und Dritter Welt nur durch wenige Prozentpunkte. In einzelnen Ländern (z.B. Indien und China) haben Gewalt und geschlechtsspezifischen Abtreibungen bereits dazu geführt, dass Frauen in der Minderzahl sind. Das wiederum bedeutet, dass die Konkurrenz unter Männern und damit die Gewaltbereitschaft ansteigt, was in weiterer Gewalt gegen Frauen gipfelt. Et voilà – Teufelskreis!

Unsere Wirtschaft floriert, uns geht es gut? Ja, aber die Wirtschaft ist ein System, das ständig wachsen will. Um zu wachsen, um steigende Gewinne zu produzieren, braucht sie ständig mehr Leistung, mehr Angestellte, mehr Käufer und geringere Produktionskosten. Wir haben die Produktionskosten dadurch verringert, dass wir alles da produzieren lassen, wo die Menschen umgerechnet nur ein paar Cent für ihre Arbeit erhalten. Die Folgen sind einstürzende Fabrikgebäude, Chemieunfälle, schlechte Qualität der Waren, geplante Obsoleszenz. Wachstum um jeden Preis, die Wirtschaftsleistung muss steigen und steigen, die Produktionszyklen werden immer kürzer. Seit 50 Jahren quatschen wir von der Rettung des Regenwaldes und scheitern noch immer an dem 3-Liter-Auto. Weil wir es eigentlich nicht wollen. Wir wollen nicht aufhören, neue, tolle, größere, leistungsfähigere Dinge zu begehren und zu kaufen. Sobald der Auto- oder Handyhersteller das nächste geile Modell rausbringt, vergessen wir die globalen Zusammenhänge, sabbern wieder auf das Display oder das Amaturenbrett und schieben die Verantwortung für die Veränderung auf die Politiker. Sollen die die schiefen globalen Verhältnisse doch mit besseren Gesetzen zur Weltwirtschaft regeln. Dass die Nachfrage, unsere Nachfrage, den Markt regelt, davon wollen wir nichts wissen.

Eine Frage des Maßstabs

Wir leben in einer globalisierten Welt, d.h., in einer Welt, in der wegen der wuchernden Wirtschaft und weltumspannender Produktionsketten Landesgrenzen und Nationalitäten immer geringere Rollen spielen, es gibt nicht mehr Meins und Deins, Überbevölkerung und Kriege in der Dritten Welt sind nicht Problem der Dritten Welt, sondern der Welt. Wenn wir weiterhin nur so kurze Zeiträume und unser eigenes Land betrachten, werden wir nie in der Lage sein, die großen zeitlichen und weltweiten Zusammenhänge zu erkennen und aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Albert Einstein hat einmal gesagt, dass man kein Problem mit derselben Denkweise lösen kann, aus der es entstanden ist. Können wir also bitte aufhören, so zu tun, als ob sich nichts ändert? Als ob der Mensch unantastbar für seinen eigenen Einfluss ist? Können wir aufhören, so zu tun, als ob wir hier in Deutschland auf einer kleinen Insel des Wohlstands und der Sicherheit sitzen und anfangen, uns als Teil einer Menschheit zu sehen, die Probleme zu lösen hat? Dringende Probleme? Probleme, die im Verlauf der nächsten hundert Jahre alles auf den Kopf stellen können, was wir kennen? Wassermangel? Migrationsbewegungen? Überalterung? Demenz? Bevölkerungsdichte? Eine Weltwirtschaft, deren Krisen immer größere Auswirkungen haben? Könnten wir bitte die Enden der Skala betrachten und nicht nur das Gestern und das Morgen?

Und könnten wir auch ein bisschen Demut zeigen vor unserer eigenen Fehlbarkeit, unserer Zivilisation? Alles, was der Mensch auf der Erde tut, tut er zum ersten Mal. Alles ist trial and error, nichts als ein Versuch, es richtig zu machen. Niemand hat uns angeleitet, wie es richtig geht, es gibt keine andere Zivilisation, bei der wir uns etwas abschauen können. Alles, was wir tun, jede Erfindung, jeder einzelne Schritt, den wir als Menschheit gehen, kann richtig sein. Er kann aber ebensogut falsch sein. Könnten wir das bitte im Hinterkopf behalten, wenn wir das nächste Mal kritische Stimmen als Kulturpessimisten bezeichnen?

Wir haben auf unserem zivilisatorischen Weg vieles richtig gemacht, aber auch ebenso vieles falsch. Wir haben uns durch das Amalgam guter und weniger guter Entwicklungen extrem weit von einem natürlichen Gleichgewicht entfernt, von einem natürlichen System, das sich selbst reguliert und selbstständig dauerhaft erhalten kann. Wir haben Sexualität zu etwas gemacht, das wir ablehnen, das nur unter bestimmten Rahmenbedingungen akzeptabel ist, das bereits bei Kindern und Jugendlichen mit Scham und Schuldgefühlen belegt ist. Dieses kranke Verhältnis zur Sexualität ist einer der Hauptgründe von Hass und Gewalt gegen Frauen. Wir haben mit Religion und Glauben ein Phänomen in die Welt gelassen, das den tatsächlichen Kampf um notwendige Ressourcen als Kriegsbegründung abgelöst hat. Heute massakrieren die Menschen sich im Streit um den richtigsten imaginären Freund und sie tun es mit einer Verbissenheit, als würde ihr Leben davon abhängen. Wir haben eine Wirtschaft geschaffen, die menschlichem Tun und Sein einen materiellen Wert zuordnet, und damit alle ausmustert, die keine geldwerte Leistung erbringen. Wir haben uns vom Tod so weit entfremdet, dass wir ihn als unmoralisch empfinden, als ultimative Beleidigung unserer zivilisatorischen Großartigkeit. Aus der Angst vorm Sterben ist eine Verpflichtung zu leben geworden und diese christlich geprägte Sichtweise haben wir Europäer im Laufe unserer Geschichte allen Völkern aufgedrückt, über die wir hinweggefegt sind.

Können wir bitte anfangen, diese Entwicklungen grundsätzlich in Frage zu stellen, weil sie der Menschheit langfristig schaden werden oder es zum Teil schon tun?

Ich bin im Moment sehr müde. Über die Nazis und die Intellektuellen, über die Kapitalisten und die Moralisten, über die Maskulisten und über die, die sich für Revolutionäre halten, in Wirklichkeit aber Kulturalisten allerschlimmster Sorte sind. Nie in meinem Leben habe ich mich so hoffnungslos gefühlt, wie gerade jetzt, wo die Welt im Wandel ist, in einem unguten Wandel, den niemand sehen will.

Die Enden der Skala

Unbenannt-3