Das Böse ist tabu

Das Böse ist tabu

Es erfreut sich ja dieser Tage großer Beliebtheit, die bösartigen Auswüchse der Zivilisation nicht nur lautstark anzuprangern, sondern sie umgehend mit Dummheit und mangelnder Bildung gleichzusetzen. Jeder, der sich der Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und die Zukunft auf diesem Planeten nicht isoliert, sondern nur miteinander gestalten können, nicht anschließt, ist dumm. Ein Idiot. Ein Arschloch. Ein schlechter Mensch. Es ist dabei ganz gleich, ob es sich um Rassismus, Islamismus, Terrorismus oder Sexismus handelt. Der mit dem Hass ist der Arsch. So notwendig diese Abstempelung des Bösen mit plumpen Schimpfworten für Seelen- und Gesellschaftshygiene auch ist, so gefährlich ist sie. Sie erfüllt den Zweck der eigenen Rückversicherung zwar ganz hervorragend, ebenso liefert sie einen Beitrag zu einer öffentlichen Stimme gegen Gewalt und Hass, doch sie tut dabei auch eines: sie beendet die Beschäftigung mit dem Bedrohlichen, wo sie eigentlich beginnen sollte. Denn im Grunde ist sie nichts weiter als eine Tabuisierung, eine thematische Abkapselung. Sie erschafft einen luftleeren Raum um das Böse, in dem es zwar isoliert, aber doch weitgehend unbehelligt, weil unverstanden fortbesteht.

Das Böse und ich

Die Gründe dafür sind durchaus nachvollziehbar.
Indem ich mich weigere, die Ursachen einer negativen Entwicklung zu erfragen, stelle ich sicher, dass ich selbst frei jeder Mitverantwortung bleibe. Dort, wo etwa gesellschaftliche Gründe zu einem Ausbruch des Bösen geführt habe, ist niemals nur einer Schuld, ganz gleich wie furchtbar seine Tat auch gewesen sein mag. Schuld sind auch politische und soziale Strukturen, Ämter und Behörden, die versagen, Nachbarn, die wegschauen, mobbende Kollegen. Das Aufdecken von Zusammenhängen, die zu der Tat geführt haben, birgt immer die Gefahr, dass ich selbst betroffen sein könnte, vielleicht sogar als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Nicht nachzufragen bedeutet, die Unversehrtheit meiner eigenen moralischen Selbstwahrnehmung sicherzustellen.

Indem ich mich weigere, die Umstände der Tat zu hinterfragen, schaffe ich auch die Möglichkeit, mir selbst einzureden, dass mir so etwas nicht passieren könnte. Die Weigerung zu verstehen, dass manche Menschen durch die äußeren Umstände unmoralisch werden, erhält meine Gewissheit, vor den gleichen Umständen sicher zu sein. Indem ich die Nachvollziehbarkeit des Grausamen verneine, mystifiziere ich es auch und stelle es auf ein unantastbares Podest. Wenn äußere Umstände bei gewissen Personen zu einem so hohen Druck führen, dass Hass und Gewalt daraus resultieren, dann kann es jeden treffen, auch mich. Was für eine entsetzliche Aussicht. Dann lieber den hassenden Menschen entmenschlichen und zu etwas unbegreiflich Bösem erklären.

Indem ich mich weigere zu verstehen, wie der Hass entstehen und die Gewalt ausbrechen konnten, entlasse ich mich aus der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich an den Ursachen etwas ändert. Gegen etwas, das unmenschlich, mystisch und unbegreiflich ist, bin ich machtlos. Ich muss nichts ändern, ich muss mich nicht darum kümmern, dass sich an der Gesellschaft, dem Staat, der Politik etwas ändert, denn das, was da vor uns steht, ist ein Monster, ein Endgegner, um den sich nur jemand wirklich, wirklich Starkes kümmern kann. Ein Politiker im Zweifel. Der soll ein Laserschwert ziehen oder eine Photonenpistole, eine Giftphiole oder eine Atombombe, um zu machen, dass das Monster weggeht. Es soll weggehen, ohne dass sich etwas ändert, am besten wäre, es verschwände einfach.

Überhaupt Stasis: wenn ich anerkenne, dass sich Menschen unter bestimmten Voraussetzungen in Ungeheuer verwandeln können, dann gebe ich damit ja zu, dass bestimmte zivilisatorische Entwicklungen den Menschen verändern, dass die Zeiten sich ändern, dass die Gesellschaft sich ändert, dass eigentlich alles gar nicht so sicher und gemütlich und der Mensch gar nicht so über alles erhaben ist wie gedacht. „Das war schon immer so, das Internet hat es nur sichtbar gemacht“ – den Satz kann ich nicht mehr sagen, wenn ich anerkenne, dass das Böse, dieses mystische Monster, die logische Konsequenz von irgendeiner benennbaren Ursache war. Und dass diese Ursache noch viel mehr Monster produzieren kann.

Anwendungsbeispiel Rechtsradikalismus

In der Mitte der Gesellschaft wuchert seit geraumer Zeit ein Gestrüpp aus Feindseligkeit und Hass, das es mittlerweile schafft, tausende Menschen zu mobilisieren und in Position zu bringen. Gegen den Staat, gegen die Lügenpresse, gegen Minderheiten, gegen Flüchtlinge. Unter dem düngenden Gefühl, viele zu sein, gedeiht dieses Kollektiv schneller als seine Gegner die frischen Triebe abschneiden können. Es gleicht schon heute einem Kampf gegen Windmühlen, dem neuen rechten Geist Einhalt zu gebieten, das Internet ist vollgestopft mit frisch gebackenen, weit rechts der Mitte anzusiedelnden Verschwörungsesoterikern, Menschen, denen man vormals genug Herz und Hirn zutraute, klingen plötzlich wie eine Versammlung von Stammtischpatrioten. Für jeden abgeschlagenen Ast treiben sieben neue aus. Hallo Hydra-Gebüsch.

Ich bin überzeugt, dass die rechtsradikale Gewalt, die wir derzeit erleben, nicht das Ende einer selbsternannten Bürgerbewegung ist, sondern der Anfang. Dass sich noch viel mehr hasserfüllte Menschen im vermeintlichen Schutz des Kollektivs ins Zentrum von allem trauen und dass noch viel öfter aus einer Überzeugung ein Verbrechen gegen Unschuldige wird. Grund für dieses nahezu unbehelligte Wachstum ist meines Erachtens auch, dass jeder Versuch, hinter die Masken des Hasses zu blicken und die Kausalkette, an deren Ende er steht, zu verstehen, reflexhaft von der empörten Stimme der vermeintlichen Menschlichkeit niedergekreischt wird, die Verstehen mit Relativieren gleichgesetzt. „Ich verstehe Dich“ wird ihr zu einem „Ich finde Dein Verhalten richtig oder nicht so schlimm“, der, der die Entstehung, die Intensität, die besonderen Umstände der bösen Tat verstehen will, wird zu einem Nazi-Fürsprecher.

So nachvollziehbar diese Gegenreaktion auch sein mag, ist sie in meinen Augen vor allem gefährlich und destruktiv für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft, denn sie ist grundfalsch. Am Ende von Eurem ganzen Kreischen und Nichtwissenwollen bleiben Euch die Zusammenhänge verdeckt und die Umstände unverändert, Ihr führt die Heckenschere gegen das wuchernde Gestrüpp zwar so schnell und energisch, dass man kaum gucken kann, aber das System verharrt im Stillstand, aus den strukturellen Ursachen entsteht im schlimmsten Fall struktureller Hass, die Gesellschaft produziert ihre eigene Bedrohung.

Pegida, AfD, die besorgten Bürger, von denen einige immerhin so besorgt sind, dass sie zu Molotow-Cocktails greifen – wir müssen versuchen zu verstehen, welche Umstände zu diesem Hass geführt haben, wir müssen, wenn wir jemals auch nur den Hauch einer Chance haben wollen, ihn zu beenden. Verstehen heißt nicht relativieren, sondern es ist der einzige Weg, jemals eine Lösung für das Problem zu finden. Eine Lösung für das Problem, nicht nur für die Symptome.

Fragen → Antworten → Fragen →

Wir müssen danach fragen, was diese Menschen dazu bewegt, auf die Straßen und vor die Flüchtlingsheime zu ziehen und ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Und wenn die Antwort Angst, Misstrauen und Überforderung lautet, dann relativiert das nicht die moralische Verurteilung des Hasses, sondern gibt uns einen Anhaltspunkt, wo die Wurzel des Gestrüpps sitzt. Statt zu kreischen müssen wir weiter fragen, immer weiter. Woher kommt die Angst? Woher das Misstrauen? Warum fühlen sich diese Menschen, die in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde leben, fortwährend in Existenz und Besitz so sehr bedroht, dass selbst vormals unbescholtene Bürger [sic!] keine Hemmungen mehr haben, mit gewaltbereiten, vorbestraften Hardcore-Neonazis gemeinsame Sache zu machen? Was passiert in einem Kopf, der gebildet und intelligent ist und trotzdem plötzlich anfängt, antisemitische, pro-russische Verschwörungsseiten als seriöse Nachrichtenquelle heranzuziehen?

Irgendwann werden wir zum Ende dieser Fragenreihe kommen, erschöpft von unserem eigenen Ekel angesichts der Gefühle, die wir soeben nachvollzogen haben. Dort werden wir die Ursachen finden, dort stehen vielleicht die Medien, die in den letzten Jahren gar nicht so wenig getan haben, um sich den Ruf Lügenpresse zu verdienen, wie man an jedem schönen Tag bei Medienkritiker Stefan Niggemeier oder dem Bildblog nachlesen kann. Oder ein werbetreibender Klick-Journalismus, der fleißig die fürchterlichsten Bilder über die Verbrechen islamistischer Gewalttäter über all seine Kanäle schickt, Bilder, die in manchen Köpfen panische Angst vor der Weltherrschaft des IS auslösen. Am Ende der Fragenreihe steht vielleicht eine menschenfeindliche Wirtschaft, die noch nie Rücksicht auf das Menschenmaterial genommen hat, das sie sich einverleibt und auspresst wie eine Zitrone. Oder ein Hyperkapitalismus, der bei den Menschen über Werbebombardement Wünsche nach Gütern weckt, die die sich gar nicht leisten können. Oder ein Parteiensystem, das vorrangig dieser Wirtschaft zuarbeitet und kaum den Bedürfnissen der Menschen, weil sein einziger Maßstab für eine gesunde Gesellschaft ihr Reichtum ist. Dort steht mit ziemlicher Sicherheit auch das Internet als Symbol für die schiere Informationsflut, die ungeordnet bei vielen Menschen zu einer Überforderung und Realitätsverlust führt.

Die Tabuisierung des Rechtsradikalismus muss aufhören. Ja, es ist eine Tabuisierung, obwohl Ihr den ganzen Tag „Nazis!“ schreit. Der Kampfschrei ist Euch zu einer isolierenden Fettschicht geworden, hinter der Ihr Euch gemütlich verschanzt habt. Die Analyse, das sollen die anderen machen. Aber nicht zu gründlich, denn Verstehen heißt ja Relativieren. Hört auf damit. Ihr helft dem Gestrüpp des Rechtsradikalismus zu immer neuem Wachstum, wenn Ihr jede Nachfrage im Keim erstickt. Interessiert Euch endlich für die psychologischen, emotionalen und strukturellen Zusammenhänge, die der Angst dieser Menschen, die wir eben noch als rechtschaffene Menschen kannten, jeden Tag neues Futter geben und sie damit immer weiter nach rechts treiben. Ihr wartet, dass die Politik das alles irgendwie mit Gesetzen heil macht, ohne dass das etwas mit Euch zu tun hat, aber das wird nicht passieren.

Hört auf, das Böse an den Tellerrand zu schieben wie einen ungeliebten Rosenkohl. Solange Ihr es nicht schafft, die Antworten auf die Frage „Was ist das Böse?“ zu ertragen, solange wird dieses Böse immer leichtes Spiel haben.

Angst ist ein Gefühl, das jeder von uns kennt, und Ihr wollt schlicht nicht, dass etwas so leicht Nachvollziehbares die Ursache von Gewaltbereitschaft ist – erst recht nicht bei Nazis, dem Inbegriff des Bösen. Aber doch, genau so ist es. Angst erzeugt Hass, Hass erzeugt Gewalt. Diese Menschen fühlen sich bedroht, von Feinden umzingelt, die Gelenkschmiere ihres Handelns ist die subjektiv empfundene Schwäche und Unterlegenheit vor einem kaum greifbaren Gegner. Diese Menschen sind durch unsere globalen, zivilisatorischen Entwicklungen an den Rand der Paranoia geraten und dort sind sie Argumenten nicht mehr zugänglich. Es regiert nur noch der Impuls.

Das ist beängstigend, es ist unmoralisch, unbedingt zu verurteilen, aber es ist eben auch eine emotionale Reaktion, an der der Staat, die Medien, die Zivilisation, Autoritäten im Allgemeinen ihren unbestreitbaren Anteil haben. Wenn wir es nicht schaffen zu sagen „Ich erkenne und verstehe die Angst“ und den Blick dann – die Ursache suchend, nicht die Symtome – auf eben jene Autoritäten zu richten, dann werden wir mehr Heckenscheren brauchen. Viel mehr.