Über die Männer und die Frauen

Über die Männer und die Frauen

Ich mag Verallgemeinerungen. Im Ernst, ich mag sie. Sie sparen Zeit und Energie und Nerven, weil man sich nicht mit unpassenden Details aufhalten muss. Verallgemeinerungen sind toll. Natürlich nenne ich sie nicht so, ich bin Wissenschaftlerin, wir sagen dazu Extrapolation. Oder „Ableitung“, wenn wir mit nicht-wissenschaftlichen Zuhörern sprechen. Wir schauen uns die Ergebnisse einer Versuchsreihe an und leiten daraus ab, wie die Reihe weitergeht. In unserer Untersuchung mochte zum Beispiel über die Hälfte der Befragten Gummibärchen, also gehen wir davon aus, dass die meisten, die wir auf der Straße danach fragen, das auch tun. Klingt ja auch logisch. Doch was, wenn ich meine Untersuchung mit Kindern durchgeführt habe, auf der Straße aber Erwachsene frage? Oder Diabetiker? Dann steht meine Extrapolation schnell dumm da.
Dennoch: eine gewisse Vorsicht vorausgesetzt, die Offenlegung des Ausgangsmaterials etwa, sind Extrapolationen durchaus ein legitimes Mittel, um mögliche Phänomene zu entdecken.

Was ich genauso mag wie Extrapolation, ist Simplifikation, die Vereinfachung. Nimm einfach alles, was vom eigentlichen Sachverhalt ablenkt, ihn verfälscht oder verschleiert, weg und konzentrier‘ Dich auf das Wesentliche. In dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ nennt der Psychopath Hannibal Lecter das „das innerste Selbst“. Das Wesen der Dinge. Ich bin davon überzeugt, dass viele Situationen, Probleme und Phänomene auf dieser Welt auf ihr Wesen, ihre Natur reduziert werden können, wenn man es schafft, sie aus dem ganzen komplizierten und oft beschämend unlogischen Kulturquatsch herauszuschälen. Oftmals bleibt dann nicht mehr viel von ihrer Widersinnigkeit und Komplexität übrig und Lösungen erscheinen plötzlich ganz naheliegend.

Was ich sagen will: ich bin kein Typ fürs Tausendste, eher einer fürs Zehnte, theoretische Details langweilen mich oft und meine grundsätzliche Bereitschaft, Dinge zu verknappen, ist sehr hoch. Das ist wichtig für das, was ich jetzt aufschreibe.

Feminismus, auf ein Wort

Vor einigen Wochen bat ich diejenigen Leserinnen, die sich vom Feminismus distanzieren, um genaue Begründungen für ihre ablehnende Haltung und ich habe wirklich vielsagende Zuschriften bekommen. Ich bin nicht in Emails ertrunken, aber ein gutes Dutzend zum Teil sehr ausführlicher Briefe habe ich bekommen. Ein Punkt, der von fast allen Schreiberinnen genannt wurde, war die regelmäßige Verallgemeinerung und pauschalisierende Urteile über Männer.

Für eine Verallgemeinerung braucht es nicht zwangsläufig ein ausgesprochenes „alle“, manchmal reicht es schon, nicht zu differenzieren, nicht das Ausgangsmaterial der eigenen Rückschlüsse offenzulegen. Die mangelnde Berücksichtigung von Alter und/oder Diabeteserkrankung meiner Gummibärchenumfrage kann meine Rückschlüsse platzen lassen wie eine Seifenblase. Und zwar alle.

Ein netzfeministisches Beispiel, an dem man das in den den letzten Wochen gut sehen konnte, war dieses Video, in dem eine junge Frau zehn Stunden durch New York ging und die zahllosen Fälle von Annäherungen und Belästigungen, denen sie dabei ausgesetzt war, zeigt:

Das Video wurde mit diesem schockiert-schweigenden Betroffenheitsgestus vor allem bei Twitter, aber auch in den großen Nachrichtenmagazinen herumgereicht. Seht her, diese junge Frau, wie unzumutbar ihr Leben als Frau ist. Welchen unerträglichen Grenzüberschreitungen wir Frauen täglich ausgesetzt sind, man kann es sich nicht ausmalen.
Doch nach und nach tauchten berechtigte Fragen auf:
Warum werden nur schwarze und Latino-Männer gezeigt?
Wo sind die Weißen?
Warum läuft sie fast auschließlich durch sozial schwierige Gegenden, aber kaum durch gut situierte, adrette Stadtteile?

Diese Fragen wurden zögerlich und wenig überzeugend beantwortet. So habe es die weißen Männer zwar gegeben, aber zufällig habe das Mikrofon oder die Kamera in dem Moment gestreikt und keine brauchbaren Aufnahmen ergeben. Eine die Veröffentlichung des Videos begleitende Offenlegung der Ausgangssituation — sozialer Status der Männer, ethnische Zuordnung, Stadtteilbesonderheiten –, die die Bewertung des Videos maßgeblich beeinflusst hätte, gab es nicht.

Tatsächlich sagt das Video nichts über die erschütternde Situation der Frauen aus. Auch nichts über die erschütternde Respektlosigkeit der Männer. Und siehe da – das Video ist tatsächlich nicht so ohne Weiteres zu reproduzieren, wie der „New Zealand Herald“ gerade feststellen musste. Er schickte eine junge hübsche Frau fünf Stunden zu Fuß durch Auckland, um das Ausmaß von Straßenbelästigung zu dokumentieren. Die Frau wurde in dieser Zeit zweimal angesprochen (in Zahlen: 2), wobei einer der Männer lediglich den Weg zum Bahnhof wissen wollte. Nur ein Mann (in Zahlen: 1) näherte sich ihr in Flirtabsicht und blieb dabei auch noch respektvoll zurückhaltend. Ich schreibe jetzt lieber nicht, dass auch mir so etwas wie in dem ersten Video noch nie passiert ist, dann schreien wieder alle, ich sei auf wundersame, völlig rätselhafte Weise verschont worden und solle dankbar für dieses zufällige Glück sein.

Ich möchte nicht mit der Frau in New York tauschen, ich empfinde das gezeigte Verhalten ausgesprochen nervig und unangenehm und in den zwei (?) Fällen, in denen die Männer über den gerufenen Einzeiler hinaus an der Frau dranblieben, auch unheimlich und grenzverletzend. Aber daraus eine unzumutbare Lebenssituation zu kreieren, der Frauen auch hierzulande stets und ständig ausgesetzt sind, ist schlicht nicht zulässig.

Von einer, die auszog, Sexismus zu vereinfachen

Seit einiger Zeit sitze ich an einem Artikel über die Ursachen sexueller Aggression von Männern gegen Frauen. Als Freundin von Extrapolation und Simplifikation habe ich erst einmal alles, was mir überflüssiges Beiwerk zu sein schien, zur Seite geschaufelt und mich als Biologin auf das konzentriert, was der unveränderliche Kern allen menschlichen Seins ist, seine DNA. Die Biologie.

Ich schaute mir das Wesen der sexuellen Fortpflanzung an, sexuelle Selektion wie sie Darwin beschrieb, Sex als für Männchen begrenzte Ressource mit zugehöriger Aggression und Frustration, wählerische Weibchen und allzeit bereite Männchen, „female choice„, männliche Konkurrenz, erzwungene Kopulation im Tierreich, die ganze Speisekarte verhaltensbiologischer Muster habe ich durchgespielt auf der Suche nach dem Ausgang. Dem Grundprinzip sexueller Gewalt.

In der biologischen Unwucht der Geschlechter (das Weibchen kontrolliert die Fortpflanzung und damit den Sex) finde ich zwar eine Basis, eine Erklärung, aber die Kultur hat sich in so grotesker Weise in die Natur eingemischt, deren Eigenheiten in manchen Bereichen verstärkt, in anderen dagegen abgeschwächt, dass es zumindest mir unmöglich ist, sexuelle Aggression auf einen natürlichen Zug einzudampfen.

Ich musste also meine Denkkonstrukte um kulturelle Entwicklungen erweitern, meiner Natur entsprechend immer zuerst vom Einfachsten ausgehend. Ich holte das Christentum mit an Bord, dessen misogyner Werdegang relativ gut dokumentiert ist, musste bald auf den Islam erweitern und als mir der Kleckerkram zu blöd wurde, auf den Monotheismus der abrahamitischen Religionen. Rechnung ohne den polytheistisch Hinduismus gemacht, unter dessen Schirmherrschaft in dessen Hoheitsgebiet Vergewaltigungen von Frauen beinahe zum guten Ton gehören ebenso vorkommen wie in monotheistischen Kulturen. Kultur selbst in den Raum gestellt, Kultur im Sinne einer komplexer werdenden Welt ohne den natürlichen Überlebenskampf, ging auch nicht, weil selbst in vielen naturnahen Völkern frauenfeindliches Verhalten beobachtet werden kann. Ich versuchte Erste und Dritte Welt, städtische und ländliche Bevölkerung. Künstliche Verknappung von Sex durch absurde, ausschließlich von Männern gemachte Moralvorstellungen? Die Paarbindung, bei der ich große Zweifel habe, ob sie sich tatsächlich evolutiv ausgeprägt hat oder nicht vielleicht doch eher aus besagten Moralvorstellungen kulturell kreiert? Harems? Promiskuität? Pornographie? Schwäche der Männer? Geringes Selbstwertgefühl?

Männer + Frauen = 27

Die Antwort ist „Ja“. Alles. Alles spielt eine Rolle. Eine Kombination aus allen diesen Dingen führt bei dem einen Mann zu einer Aggressivität, mit der er seine eigene Schwäche übertünchen will, und bei dem anderen zu einem respektvollen, der Frau ihren Raum lassenden Umgang. Und über jeden einzelnen dieser Punkte kann man eine ganz eigene Diskussion beginnen. Ich arbeite immer noch daran, wenigstens die Grundzüge aus diesem multikausalen Monster herauszuarbeiten, aber für den Moment sehe ich meine Mission, sexuelle Gewalt auf einen Grundton einzukochen, als gescheitert an. Nichts an diesem komplexen sozialen Problem ist einfach, und das sage ich als Mensch, der gewöhnlich wenig Hemmungen hat, Sachverhalte zu vergröbern.

Und ich habe beschlossen, feministische Texte, Bilder und Videos, die dem Betrachter keine inhaltliche Einordnung ermöglichen, weil sie wichtige Fakten nicht erwähnen, keine Beachtung mehr zu schenken. Ich nehme an, die feministische Debatte wird dadurch für mich erheblich an Wert gewinnen.