Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

Derzeit wird viel über das Kinderkriegen geschrieben.
Antonia Baum schreibt, dass ihr der Gedanke, Kinder zu bekommen, eher Stress bereitet, und auch Melanie Mühl bekennt freimütig dass Kinder in ihrem Lebensentwurf nicht vorkommen. Stefan Schulz hält dagegen, dass das alles im Grunde ganz einfach ist mit Kindern, weil Babies im ersten halben Jahr „ohnehin nur herumliegen“, und Florentine Fritzen und Tobias Rösmann sind nur noch genervt von den „Jammerfrauen“, die ein, zwei Bedenken haben, einfach so Kinder zu bekommen. Die hasserfüllten Kommentarspalten unter den Artikeln von Frau Baum und Frau Mühl seien nur der Vollständigkeit halber erwähnt, ohne auf einzelne Antworten einzugehen.

Dass solche Antworten nicht nur, aber auch aus feministischer Sicht mindestens fragwürdig sind und an der Realität vorbei gehen, hat die Bloggerin Dr. Mutti sehr schön zusammengefasst.
Doch in den Kritiken steckt noch eine weitere Absurdität als nur reaktionäres, frauenfeindliches Gedankentum.

Weißt Du noch, früher?

In den Sechziger und Siebziger Jahren ging ein großer Ruck durch die Gesellschaft. Frauen verbrannten ihre BHs, Studenten schrien „Ho-Ho-Ho Chi Minh!“, die politische Macht wurde genauso hinterfragt wie gesellschaftliche Werte und überkommene Weltbilder. Man brach mit verstaubten Traditionen und bewegte sich hin zu Toleranz und Mündigkeit. Mit dieser Liberalisierung wuchsen Möglichkeiten und mit den Möglichkeiten die Ansprüche der Menschen an ihr Leben. Ihre Ziele wurden etwas ambitionierter als eine solide Anstellung zu finden. Sie entdeckten, dass das Leben aus mehr bestehen kann als nur aus Dingen, die man macht, weil die anderen sie auch machen. Sie entdeckten Erfüllung und Glück, Selbstverwirklichung und Lebenshunger. Beruf, Kleidung, Unterkunft, Lebensweise – alles wurde von einer uniformen Selbstverständlichkeit zu einem individuellen Ausdruck von Persönlichkeit. Aus gut funktionierenden Ameisen, deren Antrieb vor allem Pflichtgefühl war, wurden selbstbewusste Menschen mit dem Anspruch, glücklich zu werden.

In dieser Zeit formierte sich auch die frühe Frauenbewegung und brach mit der Vorstellung von der Frau als Gebärmaschine, deren einziges Glück die Aufopferung für Mann und Kind zu sein hat. Zu dieser überfälligen Befreiung gehörte auch das Recht, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden. Man musste nicht mehr mit 23 heiraten und Kinder kriegen, „weil man das eben so macht“. Man konnte sagen, ich will erst mit 33 Kinder kriegen oder gar nicht. Man konnte keins bekommen oder fünf, sogar von verschiedenen Partnern, man konnte die Kinder alleine oder in Patchworkfamilien großziehen.
Weil man erkannte, dass die Entscheidung, Kinder zu bekommen, keine Sache ist, die die Gesellschaft für einen trifft.

Freiheit für alle!

Die Lösung von der gefühlten Notwendigkeit, Kinder zu bekommen, sieht aber nur auf den ersten Blick aus wie die Befreiung der Frau. In Wirklichkeit war es auch eine Befreiung der Männer, denn jeder Mensch hatte plötzlich die theoretische Möglichkeit, sich sein Leben so einzurichten wie es seinen Interessen und Vorlieben entsprach und nicht, wie es einem der gesellschaftliche Erwartungsdruck vorschreibt.

Es ist eine logische Konsequenz dieser Befreiung, dass sich heute mindestens genauso viele Männer gegen Kinder, gegen Zweisamkeit und Familienglück entscheiden wie Frauen. Ja, ich habe sogar mehr Männer als Frauen kennengelernt, die keine Kinder wollten oder ungewollt ein Kind bekommen hatten. Und das ist okay. Das Selbstverständlichkeitsdiktat war früher so hoch, dass es für Frauen wie für Männer kaum eine Alternative zu Kindern gab. Heute dagegen haben wir alle die Möglichkeit, uns selbstbestimmt zwischen A (Kind/Familie) und B (andere Sachen) zu entscheiden, und – Überraschung, Überraschung! – es gibt tatsächlich Menschen, die hier Tor B wählen.

Man kann das natürlich egoistische Selbstoptimierung nennen, ich nenne das Freiheit.

Die Hysterie darüber, dass Menschen diese Freiheit nun für selbstbestimmte Entscheidungen nutzen, ist vollkommen grotesk.
Dass Frauen wie Antonia Baum und Melanie Mühl als hässliche Fratze der Emanzipation dargestellt werden, die die Kinderlosigkeit wie ein Kreuz auf den Schultern tragen, ist albern und realitätsfern.

Ich habe ja nichts gegen Freiheit, aber …

Es gibt in dieser Debatte nur eine hässliche Fratze und zwar die der Intoleranz.

Denn es geht gar nicht darum, ob es nun richtig oder falsch ist, Kinder zu bekommen. Antonia Baum und Melanie Mühl haben ja nicht in einem flammenden Appell gefordert, dass niemand mehr Kinder bekommen soll. Sie haben weder Eltern noch Kinder angegriffen, sie haben nicht einmal Hitler gesagt. Sie haben in ganz persönlichen Texten begründet, warum sie der Gedanke ans Kinderkriegen nicht in Entzücken versetzt. In den Artikeln stand keine Handlungsaufforderung an andere, kein Angriff auf die, die Eltern sind oder es werden wollen, sie waren einfach persönliche Bekenntnisse von zwei Frauen, die die Freiheit nutzen, sich ihr Leben nach ihren Prioritäten einzurichten. Natürlich waren die Texte ein wenig überspitzt, aber im Grunde gaben sie wenig Anlass zu Gefühlsausbrüchen.

Und doch haben sie Reaktionen ausgelöst, bei denen ich nur mit dem Kopf schütteln kann. Das eklige Frauenbild („Wart’s nur ab, bei Dir wird der Wunsch nach Kindern auch noch kommen, weil er in der Natur der Frau liegt“), das wiederholt und in mehreren Variationen zutage trat, war dabei noch das Harmloseste, weil Vorhersehbarste. Weitaus schlechter wurde mir bei den aggressiven Versuchen, die beiden Frauen zu bekehren, sie zu überzeugen.

Der Satz „Wer es anders macht als ich, macht es falsch“ geht mir selber immer mal wieder über die Lippen. Er kann ein komplettes Weltbild stützen, rechtfertigt die Eingefahrenheit eigener Verhaltensmuster und kürzt Diskussionen bisweilen angenehm ab. Und er ist völliger Käse. Er ist Ausdruck aggressiver Engstirnigkeit, der anderen Verhaltensweisen im Handstreich die Existenzberechtigung entzieht. Er ist ein zuverlässiger Indikator für Intoleranz und sollte immer hinterfragt werden. Als allererstes von dem, der ihn sagt.

Statt also herumzugeifern, könnte man auch mal einen veralteten Generationenvertrag hinterfragen, der schon jetzt eine gewaltige Unwucht hat, weil die eine Generation, Medizin sei Dank, immer älter wird und die andere, Freiheit sei Dank, immer öfter keinen geradlinigen Lebenslauf und damit keine stabile Einkommenslage hat.

Und wo man schon beim Nachdenken ist, könnte man mal in Erwägung ziehen, ob vielleicht beide Lebensmodelle, das mit Kindern und das ohne, vollkommen in Ordnung sind.
Es gibt nämlich außerhalb des Strafgesetzbuches viel weniger Richtig und Falsch zwischen Menschen als man so gemeinhin wahrhaben möchte. Ja, das kam auch für mich sehr überraschend.