Danke für (fast) nichts, Facebook

Danke für (fast) nichts, Facebook

Ich bin nicht mehr bei Facebook, seit Monaten schon nicht mehr.
Anfangs dachte ich, es sei vorübergehend. Eine kleine Krise in unserer langen Ehe, man ödet sich plötzlich an, Dinge, die schon immer da waren, nerven einen plötzlich am anderen, man kennt das ja. Also deaktivierte ich mein Profil. Nach ein paar Wochen, vielleicht auch Monaten, so dachte ich, kann ich ja wieder zurückkehren.

Was ich will

Neben rein technischen Dingen, die mich schon länger störten (z.B. gravierende Unterschiede zwischen mobiler Browserversion, App und Desktop-Version), war mir vor allem zuwider, dass Facebook für mich die Entscheidung traf, wie die Welt für mich aussieht. Denn Facebook tut viel mehr als nur eine Blase aus Gleichgeschalteten zu bilden. Facebook verstümmelt. Es verstümmelt meine Wahrnehmung von der Welt, es verstümmelt die Charaktere meiner Kontakte, es verstümmelt meine eigene Vielseitigkeit.

Die Menschen, mit denen ich mich – virtuell und real – umgebe, schätze ich unter anderem dafür, dass sie sich nicht auf eine Linie festlegen lassen, dass sie mich auch nach längerer Zeit noch mit einem Standpunkt überraschen, dass sie ein breit gefächertes Interessenspektrum haben. An allen gibt es eine oder mehrere Seiten, die mir fremd sind, die ich anders sehe, die mich vielleicht auch manchmal ärgern. Trotzdem finde ich es gut, dass diese Seiten da sind, weil sie den Menschen exakt die Kaleidoskophaftigkeit verleihen, die ich an ihnen mag. Ebenso ist es mit der Welt und mit meinen eigenen Interessen. Nur weil ich Animationsfilme mag, heißt das nicht, dass mich Autorenkino nicht in Entzücken versetzen kann. Nur weil ich die Serie „The Walking Dead“ fantastisch finde, heißt das nicht, dass ich mit amerikanischen Serien generell etwas anfangen kann. Nur weil ich gerne Nina Simone höre, heißt das nicht, dass ich das Video über diesen wahnsinnigen finnischen, speedmetal-schrammelnden Gitarristen nicht sehen will.

Natürlich setze ich mich nicht jeden Tag allen Seiten der Menschheit aus. An manchen Tagen ertrage ich das Befremdliche, das Langweilige, das Schreckliche und an anderen Tagen nicht. So wie mir manchmal eben nach Billie Holiday und manchmal nach Billy Idol ist.
Der Punkt ist: ich möchte entscheiden, womit ich mich wann beschäftigen will.

Was Facebook macht

Diese Möglichkeit habe ich bei Facebook nicht (mehr). Ein paar Likes an falscher Stelle und schon bekommt man nur noch ganz bestimmte Käsesorten zu sehen und andere gar nicht mehr.
Ungezählt sind die Situationen, in denen ich „Wo ist eigentlich XY, von dem/der liest man ja gar nichts mehr, hoffentlich ist nichts passiert“ denkend vor Facebook saß, besorgt das Profil der Person aufrief und dann dort überrascht aktuelle Beiträge vorfand. Facebook hatte die Person einfach aus meiner Timeline getilgt – vermutlich, weil sie vorrangig über Themen postet, die ich nur selten like, oder weil ich selten mit der Person interagiere.
Unvergessen ist die Zeit, als Facebook das Abonnieren von Nutzern einführte und man von da an darauf achten musste, dass bei „Diese Person in meiner Timeline anzeigen“ ein Häkchen saß. Ebenso unvergessen sind all die Vorfälle, in denen das Häkchen richtig gesetzt war und die Menschen trotzdem nicht in meiner Timeline auftauchten. Wann und warum eine Person von Facebook angezeigt oder ausgeblendet wird, wurde mit der Zeit immer erratischer und unvorhersehbarer. Und immer schwieriger wurde es, diese Personen und/oder Themen wieder in meine Timeline hineinzuholen.

Schön demonstriert hat das der amerikanische Journalist Mat Honan, der quasi in Echtzeit verfolgen konnte, wie sich seine Timeline durch sein experimentelles Like-Verhalten veränderte.
Die Nachricht, dass Facebook bereits 2012 im Rahmen einer universitären Studie die Timelines einiger hunderttausend Nutzer absichtlich manipuliert hat, um zu sehen, wie die Veränderung sich auf das eigene Posting-Verhalten auswirken würde, erzeugte Ende Juni ein gewaltiges Rauschen im Blätter- und Blogwald. Eine Welle der Empörung verbreitete sich unter den Nutzern, gerade auch, weil Facebook geradezu lapidar antwortete mit „Was wollt Ihr denn, die Nachrichten filtern wir doch sowieso!“
Eine Programmierin versuchte daraufhin, Facebooks Manipulationen mit einer speziellen App, die mit demselben Textanalyseprogramm arbeitet wie Facebook selber, vorzuführen, was im Experiment einerseits nicht so gut und dann wieder erschreckend gut funktioniert hat, weil es die Fehleranfälligkeit und Zufälligkeit von Facebooks Algorithmus demonstriert.

Natürlich sind wir alle jeden Tag Manipulationen ausgesetzt und ich gebe mich nicht der Illusion hin, ihnen immer aus dem Weg gehen zu können. Aber wenn ich kann, dann tue ich es.
Von der menschlichen/moralischen Fragwürdigkeit dieses ganzen Gebahrens will ich gar nicht sprechen. Aber ein soziales Netzwerk, in dem ein Großteil der Meldungen meiner Kontakte ausgeblendet wird (die ich deshalb zu Kontakten gemacht habe, weil ich ihre Meldungen sehen möchte), ist kaputt. Das erfüllt einfach seinen Zweck nicht.
Und deshalb bin ich gegangen. Und komme auch nicht wieder.

Das Nachspiel

Die Veränderungen danach waren sehr vielgestaltig.
Ich war so konzentriert und konnte so gut am Buch arbeiten wie schon lange nicht mehr. Es war als hätte ich mal kräftig in meinem Kopf durchgefegt. Das empfand ich als geradezu erfrischend. Die völlig überraschende Erkenntnis, die daraus folgte, war die: man stirbt gar nicht, wenn man nicht jedes Video und jeden Artikel zu einem bestimmten Thema kennt. Ja, tatsächlich lebt man weiter, wenn man die vielen Shitstorms und X-Gates erst mitbekommt, wenn sie schon wieder vorbei sind (was sich im Übrigen sehr positiv auf mein Wutmanagement ausgewirkt hat).
Mir fehlte es allerdings, Dinge mit Menschen auszutauschen, die für Twitters 140 Zeichen zu lang waren (die Dinge, nicht die Menschen). Mal einen Artikel nicht nur verlinken, sondern auch kommentieren, mal eine längere Nachricht schreiben oder ein Foto ausufernd betiteln, so etwas eben. Außerdem gab es Menschen, mit denen ich nur bei FB verbandelt war, nicht aber bei Twitter. Bei Twitter folge ich Menschen für ihren Witz, bei Facebook für ihre Inhalte. Da beides ohne das jeweils andere geht, gibt es nur eine kleine Schnittmenge, der ganze mit Inhalten gefüllte Rest kippte plötzlich komplett aus meinem Kosmos heraus. Der nicht-zeichenbegrenzte Austausch von Meinungen und/oder Sympathien mit diesen Menschen fehlte mir.

Die Alternativen

Die Zeichenbegrenzung von Twitter ist bei allem, was über belanglose Wortspiele hinausgeht, hinderlich, da beißt die Maus keinen Faden ab. Die inhaltliche Ausdünnung, die mit der Verknappung einhergeht, schadet bei heiklen Themen mehr, als dass sie zu einem ausgewogenen, sachlichen Diskurs beiträgt. Diskussionen (a.k.a. Austausch von differenzierten und begründeten Standpunkten) sind bei Twitter schlichtweg unmöglich, weshalb ich mich ihnen durch die Bank verweigere.

Dennoch versuchte ich, zumindest einen Teil meiner Entzugserscheinungen über Twitter zu kompensieren, indem ich hin und wieder auch mal einen Artikel, der mir wertvoll erschien, verlinkte (und mich bei dem zugehörigen Kommentar kurz fasste). Aber bis heute fühlt sich das irgendwie an wie halbe Kraft voraus.
Auch für meine verschollenen Homies habe ich noch keine wirkliche Lösung.

Ich liebäugele momentan mit einem Microblogging-Experiment, das wir ähnlich schon beim besten Mann der Welt umgesetzt haben, das mir erlaubt, längere Texte zu schreiben, Artikel zu kommentieren und so weiter. Ich muss noch ein paar Plugins hineinschaufeln und zwei, drei Dinge durchdenken, aber man kann ja wenigstens mal probieren, den eigenen Kosmos wieder zu füllen.

PS: Die Scheinheiligkeit, unter einen Facebook-Rant einen Knopf zu setzen, damit der Facebook-Rant bei Facebook geteilt wird, ist mir bewusst. Meine moralische Empörung ist elastisch genug, um das abzufedern.
PPS: Dass mein Blog nicht mehr die Besucherzahlen erreicht wie früher, als ich Artikel noch bei Facebook ausposaunen konnte, ist geschenkt. Wie alle Blogger nicht müde werden zu betonen, blogge ich ausschließlich für mich und niemals für den Fame und es ist mir vollkommen egal, wie viele Menschen le-PIIEEEP