Phantomschmerz.

Vor einer Weile habe ich mich aus dem Internet operativ entfernt. Weil es nötig war, weil ich Schmerzen litt, weil es mich ausgelaugt hat, weil ich Ruhe brauchte. Es war so schlimm, dass ich nicht einmal senden wollte.
Leute mit meinem Ego wollen eigentlich immer senden, ein bisschen Aufmerksamkeit macht alles besser, normalerweise.
Diesmal nicht. Diesmal will ich Ruhe. Ich will nicht da sein, wo die Menschen sind, ich will nicht da sein, wo die Medien sind, ich will nicht da sein, wo Interaktion ist.
Und das kam so.

Ich schreibe ein Buch. Dieses Buch spielt in der Zeit von Anfang 1900 bis tief in die Weimarer Republik hinein. Eine Zeit, die für mich früher nur aus Worten bestand, Worten in der neunten Klasse. Nerviges Politikzeug ohne Bezug zu irgendwas und mit jeder Menge bekloppter, internationaler Verwicklungen, die sich kein Schwein merken kann. Jedenfalls nicht, wenn dieses Schwein ich ist und 15 Jahre alt.

Heute sehe ich das anders.
Da ist ein Krieg, der deutschem Machthunger geschuldet ist, da ist ein Volk, das von seiner Regierung verraten wird, da ist ein so ungeheures Elend im Fahrwasser des Krieges, dass man es kaum in Worte fassen kann. Hunger, Armut und Verzweiflung höhlen das Volk auch nach dem Krieg so weit aus, dass Ehrgefühl, Wertevorstellungen und Unrechtsbewusstsein wie in einem Zerrspiegel grotesk verbogen werden.
Das Geld ist nur noch Papiermüll, mit Sand gestreckter Zucker wird den ausgezehrten Menschen untergejubelt, das Brot kostet mehr als ein Tagessatz Arbeitslosenunterstützung, 1914-1918 sterben 750.000 Deutsche an den Folgen der Unterernährung. Um den knappen Wohnraum zu vergrößern, werden auf die Schnelle dünne Tapetenwände in Wohnungen eingezogen, die die Anzahl der möglichen Mietparteien auf wundersame Weise vermehren, gleichzeitig aber die Menschen zusammenpferchen wie Vieh. Mörder wie Karl Denke, Fritz Haarmann und Carl Großmann leben und töten in dieser Enge, mitten unter den Menschen, Wand an Wand mit den Nachbarn jenseits der Tapete. Schwarzhandel, Plünderungen, Gewalt gegen Lebensmittelhändler, eine völlige Entwurzelung der Menschen.

Ich habe viel Respekt vor den historischen Fakten, weshalb ich die Recherche sehr genau nehme, vielleicht ein bisschen zu genau. Ich sauge alles auf, jedes Detail, auch Details, die nicht nötig sind und mir wehtun. Ich lese mich immer tiefer hinein; in das Überleben in den Schützengräben, in den Alltag an der “Heimatfront”, in die Verzweiflung, den Hunger und immer wieder: in den Tod. Tote Kinder, tote Jungen, tote Frauen, tote Männer. Verhungert, ermordet, im Krieg gefallen. Ich sehe Bilder von Toten, Bilder von Verletzten, Bilder von Orten, an denen Menschen getötet oder verletzt wurden. Alles. Ich will das alles wissen und ich will das alles erzählen.

Aber dann kommt irgendwann der Punkt, an dem die Zahnräder blockieren.

Wikipedia definiert Empathie so:

Der Begriff Empathie (altgriech. ἐμπάθεια empátheia ‚Leidenschaft‘; vgl. auch συμπᾰθεία sympatheía ‚Sympathie‘; Substantiv aus dem Verbum συμπάσχειν sympás|chein ‚mit leiden‘) bezeichnet die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen, Absichten und Persönlichkeitsmerkmale eines anderen Menschen oder eines Tieres zu erkennen und zu verstehen.

Für mich heißt Empathie, diese Dinge zu fühlen. Ich lese Beschreibungen, sehe Bilder und plötzlich bin ich dort. Plötzlich fühle ich, was die Leute fühlen.
Dann knirscht es hässlich, ich weine für längere Zeit und dann ist Stille. Leere.

Ich schaue aus dem Fenster und weiß nicht, was ich sagen soll. Was ich twittern soll, facebooken, bloggen. Ich weiß auch nicht, was ich lesen soll. Plötzlich erscheint mir meine Timeline voll mit Nebensächlichkeiten. Ich lese von den Dingen, die soziale Medien zum Summen bringen, kleine und große Dramen von den Menschen, die ich irgendwie mag und schätze, und in meinem Kopf ist alles leer. Mein Gehirn glotzt verständnislos.
Vor dem Hintergrund dieser Dinge, die ich lese, kommt es mir albern vor, kleinlich, peinlich bisweilen, worüber wir alle uns jeden Tag so aufregen, was uns alle jeden Tag beschäftigt. Und da, wo ich es nicht kleinlich finde, finde ich es so schlimm, dass ich nicht kann.
Ich kann nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr zuhören. In meinem Kopf ist so viel Entsetzen, so viel Mitleid, so viel Fassungslosigkeit über die Dinge, die ich in mein Buch hineinschreiben will, dass nichts mehr reinpasst.

Und damit ich nicht ungerecht werde, damit ich nicht anfange herumzugiften, um diesem grässlichen Phantomschmerz, den ich seit zwei Wochen in mir spüre, ein Ventil zu schaffen, bleibe ich lieber für mich. Und komme irgendwann wieder und mag die Menschen meiner Timeline noch und werde vielleicht auch von ihnen noch gemocht.

Jetzt im Moment geht es nicht.
Weil mir alles wehtut.

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