Nachts sind alle Geräusche bunt

Nacht ist ja mein Ding. Ich liebe Nacht. Früher, als ich noch alleine war, habe ich oft Spaziergänge gemacht, kleine Streifzüge durch’s Viertel, immer nachts. Nacht in der Stadt, das ist angenehm. Die Wege sind frei, keine Deppen (gerne auch mit Kinderwagen) bleiben an der engsten Stelle des Gehwegs stehen, um Schwätzchen zu halten, niemand quatscht einen an, wo es zum Bahnhof geht, und – ach! – es geht in der Nacht so wunderbar leise zu.
Kurzum: nachts sind die Menschen einfach ein Tickchen weniger blöd. In erster Linie, weil sie zuhause bleiben.

Als also am Sonntag der beste Mann von allen eine Nachtwanderung in die Natur vorschlug, war ich sofort in Ekstase. Wir beschlossen, an die Linumer Teiche zu fahren, nordwestlich von Berlin. Die Teiche sind umgeben von ausgedehnten Weide- und Ackerflächen, die regelmäßig von Knicks und kleineren Kanälen durchzogen sind. Insgesamt eher offenes und gut einsehbares Gelände, was mir für unsere erste Nachtwanderung überhaupt ganz angemessen erschien. Man weiß ja nicht, welche Monster nachts unter den Betten der Natur hervorkriechen.
Wir stellten unser Auto gegen 21 Uhr in Linum ab, eine Nachtigall schrie uns an, woraufhin ich sie erschoss. Dies mag zunächst nicht weiter spektakulär erscheinen, aber Nachtigallen sind ziemlich lichtscheues Gesindel und unauffällig noch dazu, es war also für mich das erste Mal, dass ich einer so nahe kam.

(Was jezt folgt, ist übrigens die Parade der verwackelten Fotos, denn ich habe zwar eine gute Kamera, weiß aber nicht, wie man sie richtig bedient, weshalb bei einbrechender Dunkelheit dann also nur Verschwommenes herauskommt. Sei’s drum.)

Sie hätte sich wirklich eine hübschere Joppe übertun können!

Im nächsten Moment fiel eine wüste Abendstimmung über uns her, komplett mit Rosa und Kühen.

Wir ließen uns davon nicht beirren und folgten einem Geräusch, das wir schon beim Aussteigen aus dem Auto bemerkt hatten. Ein hohes, eintöniges Summen, wie eine weit entfernte Autobahn oder ein riesiger Schwarm Fliegen. Beim letzten Tageslicht führte uns das Geräusch etwa zwei Kilometer weiter schließlich an einen kleinen Teich mit dichten Schilfgras. Hier bekam das Summen Konturen und wurde zu einem vielstimmigen Chor von Irgendwassen. Vielstimmig wie in “Hunderte!” Der See war förmlich übersät mit dem Summen, das jetzt als einzelne Rufe erkennbar war.
Da wir von der gegenüberliegenden Uferseite ein Rohrdommel-Männchen hören konnten, tippten wir auf nistende Weibchen oder fordernde Küken (MEIN GOTT, MEIN BIOLOGIESTUDIUM IST 12 JAHRE HER!). Zehn Minuten standen wir herum, machten Tonaufnahmen und ich versuchte im letzten Tageslicht, noch etwas zu fotografieren. Als das nicht ging, suchten wir das Ufer mit Taschenlampen ab, aber wir konnten keinen endeutigen Verursacher ausmachen. Unverrichteter Dinge zogen wir also weiter, grimmig entschlossen, später zuhause das ganze Internet nach diesem Geräusch zu durchgoogeln, bis wir wissen, was es war.

Später auf dem Rückweg, es war mittlerweile ganz dunkel, war das Geräusch immer noch da und einem gnädigen Schicksal ist es vermutlich zu verdanken, dass wir diesmal über die 1 Meter mal 1 Meter große Hinweistafel stolperten, die das Gewässer als Unkenteich, als Reproduktionszentrum für Rotbauchunken gar auswies.
Ja, es war uns peinlich.

Und bitte:
Rotbauchunken

(Ganz am Anfang hört man zweimal, bei Sekunde 2 und 5, das dumpfe Hupen eines Rohrdommel-Männchens, leider nur leise und kurz, aber diese tiefen Töne, die man bisweile eher spürt als hört, waren den ganzen Abend über hörbar, mal lauter, mal leiser, aus verschiedenen Richtungen.
Im Hintergrund zentnerweise Nachtigallen und etwa in der Mitte ein Rohrschwirl mit seinem monotonen Schnarren.)

Im Ernst, Dunkelheit ist toll. Man hört Dinge, die man nie zuvor (a.k.a. tagsüber) gehört hat. Zum Einen, weil es manche Geräusche nicht im Hellen gibt, zum Anderen, weil das Gehör im Dunkeln so dermaßen geschärft ist, dass einem nichts entgeht (und wir erinnern uns, dass es sowieso nicht zu meinen größten Problemen gehört, zu wenig zu hören).

Nacht am See ist ein akustisches Kaleidoskop: verwirrend, ein bisschen unheimlich und wunderschön.
Die Fledermäuse fliegen so dicht vorbei, dass man das Flattern ihrer ledrigen Flügel hören kann. Jede Maus, jeder Frosch und jede Ringelnatter hinterlässt einen akustischen Abdruck im Gras. Die Tagvögel in den Bäumen schnattern leise, weil sie aus dem Schlaf aufschrecken. In der Ferne tröten die Kraniche noch eine Weile unter der Bettdecke, bevor sie schlafen gehen, und Fische zerwühlen hin und wieder die Wasseroberfläche.

Die visuellen Eindrücke so einer Nacht sind dagegen fast vernachlässigbar, weil meine Augen schon im Hellen eine Schande für ihre Zunft sind, im Dunkeln aber bekommt mein Sehvermögen etwas, sagen wir: Symbolisches.

Zweimal sahen wir Augen über der Wiese leuchten, einmal entpuppten sich diese als zu einem Steinmarder gehörig, der ein paar Meter parallel zu uns am Wegesrand entlanghoppelte, an einem kleinen Häuschen hielt, sich aufrichtete und dann im Dunkel verschwand, als wollte er den Batman-Gedächtnispreis abgreifen.
Ein Igel, noch schlank vom Winter, kreuzte schließlich unseren Weg, um seinen Igel-Angelegenheiten nachzugehen.

Auf der Dorfstraße nahmen dann einige Dorfbewohner unsere Verfolgung auf, was mich nicht unbedingt mit Frohlocken erfüllte. Ich war angespannt, vor Menschen war ich schließlich in die Wildnis geflüchtet. Die drei Männer hielten Abstand, blieben aber in der Nähe, als wir in einen der Schilfpfade abbogen. Mit dem besten Mann von allen sprach ich kurz die Optionen durch, falls die beschließen würden, unangenehm zu werden. Als wir schließlich wegen fortschreitender Kälte wieder zurückgehen mussten, mussten wir die Männer passieren und wieder kamen sie uns hinterher.
Als wir den Igel mit Blitz fotografierten und die Männer uns zuriefen, wir sollten ihn nicht blenden, wurde uns klar: WIR waren die Bösen, nicht sie. Vermutlich hatten sie uns gesehen – beide in Schwarz gekleidet, beide mit Glatze, beide mit Taschenlampe – und wegen fortgesetzter Verdächtigkeit unsere Überwachung eingeleitet.

Hier, aber Nacht ist toll. Ganz im Ernst.

Schilfgras-Dekoration

Ach ja, Samstag waren wir auch in der Natur und haben dort einen Pirol erst gehört, dann gesehen. Ich musste weinen und ein bisschen schwarz wurde mir auch vor Augen.

Ein Pirol!

In unsere Tonaufnahme von dem exotisch anmutenden, wunderschönen und unverwechselbaren Gesang quatschten leider so viele andere Vögel rein, dass ich hier der Einfachheit halber auf die Pirolstimme im Soundarchiv verlinke.

Eindeutig ein Kandidat für den Unschärfepreis 2013, aber immerhin.

KREISCH, EIN PIROL!