Eine kurze Geschichte über die Sünde

Ich schaue Filme nicht wegen der Effekte, nicht wegen der Leute, die darin mitspielen, nicht wegen der Filmmusik oder weil man sie „gesehen haben muss“. Ich schaue Filme, weil mich die zentrale Aussage interessiert. Sie kann doppeldeutig und interpretierbar sein, mit anderen Aussagen verwoben und hinter Andeutungen und Metaphern versteckt sein, ich möchte nachdenken, um sie zu entdecken, nur da sein muss sie. Filme ohne zentrale Aussage oder Filme mit einer zentralen Aussage, die hinter den Spezialeffekten, den Schauspielern oder der Symbolik zurückbleibt, gefallen mir in 99,99% aller Fälle nicht.

Amazon-Link (bitte {link url='http://www.fraumeike.de/guter-zweck/'}Hinweise{/link} beachten!)

Der Film „Sauna“ des finnischen Regisseurs Antti-Jussi Annila ist beides. Die zentrale Aussage ist einerseits so deutlich, dass die Handlung zur Nebensache wird, und wird andererseits förmlich von der dichten Atmosphäre erdrückt. Ich kann nicht sagen, wie diese Gleichzeitigkeit funktioniert, aber sie funktioniert. Wenn man es schafft, über den unfreiwillig komischen Titel hinwegzusehen und sich ganz in den Film hineinfallen zu lassen, dann offenbart sich einem ein unhandliches, schwer greifbares und genau deshalb sehr besonderes Werk.

Alles, was man über den Film lesen oder sagen kann, ist unzureichend. Die Zuordnung zum Genre Horror ist völlig unpassend und gibt die Bandbreite des Films nicht wieder. Alle Inhaltsangaben sind irreführend, weil sie die Geschichte entweder überbetonen oder unterschlagen und zwar jeweils an den falschen Stellen. Das wird bei meiner folgenden Beschreibung auch nicht anders sein.
(Obacht, ich verrate viel!)

Der Film spielt im späten 16. Jahrhundert, der lange Krieg zwischen Russland und Finnland ist eben beigelegt und eine kleine Kommission aus Russen und Finnen macht sich auf den Weg, um den neu beschlossenen Grenzverlauf zwischen beiden Ländern markieren. Die beiden Finnen Eerik und Knut sind ein ungleiches Brüderpaar, Eerik ein rauher Kämpfer ohne Skrupel, ein Mann wie eine ganze Armee, waffenstarrend und gepanzert, frisch zurückgekehrt aus dem Krieg und vielfach mit dem Blut Unschuldiger besudelt. Knut dagegen ein schmächtiger Denker, einer, der Landkarten zeichnet, Brutalität zutiefst ablehnt und den die Kriegsverbrechen des eigenen Bruders mehr quälen als jenen.
Je tiefer die kleine Gruppe in das lebensfeindliche Land mit seinen düsteren Wäldern und Mooren vordringt, desto öfter hat Knut Wahnvorstellungen von Eeriks letztem Opfer. Feindseligkeiten zwischen dem aggressiven Bruder und den russischen Mitgliedern der Kommission sowie der eigene Konflikt setzen ihm immer mehr zu.
Die Männer stoßen schließlich inmitten einer trostlosen Sumpflandschaft auf ein Dorf, das sich genau auf der künftigen Landesgrenze befindet. Dort kommt es zu seltsamen Selbstverletzungen unter den Bewohnern, viele liegen krank, Babies wurden hier noch nie geboren, ein etwa dreizehnjähriger Junge ist das einzige Kind. Am Rand des Dorfes steht eine uralte Sauna im Sumpf, der nachgesagt wird, dass sie die Sünden fortwaschen kann.
Alle Männer spüren die eigenartige Faszination dieses Ortes, der bislang auf keiner Karte verzeichnet ist. Das Dorf und seine Bewohner scheinen voller Geheimnisse zu stecken. Als einer der Russen ebenfalls Halluzinationen bekommt und sich im Wahn selbst tötet, wird allen klar, dass nichts Gutes an diesem Ort zu holen ist.
Das Dorf verändert die Männer, die Verhandlungen um den Grenzverlauf, der das Dorf der finnischen oder der russischen Seite zusprechen würde, sind zäh, unter den beiden verbliebenen Russen bricht Streit aus und Eerik merkt immer mehr, dass er sich seinen eigenen Verfehlungen stellen muss. In der Hoffnung auf Vergebung ist er schließlich bereit, mit seinem Bruder Knut die Sauna zu betreten. Ahnend, dass er dabei zu Tode kommen wird, schickt er den kleinen Jungen mit einer Abschiedsnachricht für seine Frau auf den langen Marsch durch die Wälder. Während er selbst seiner Erlösung in Gestalt seines schwächeren Bruders entgegentritt, wird der Junge an einem Fluss von einem Mann ohne Gesicht angegriffen und getötet.

Die Handlung dieses sperrigen Werkes ist alles andere als selbsterklärend. Wenn russische Dialoge mehrere Minuten lang ohne Untertitel geführt werden, dann kann man oft nur erahnen, welche Entwicklungen vor sich gehen. Vieles wird nur angedeutet, anderes dagegen so deutlich in den Vordergrund gestellt, dass man das Gefühl nicht los wird, dass es in Wirklichkeit nicht das ist, wonach es im ersten Moment aussieht.
Die Entwicklungen der Personen sind schleichend und ungerichtet. Beinahe fasst einen so etwas wie Ziellosigkeit an, der Fokus liegt bald auf diesem, bald auf jenem Detail, ohne dass man zunächst zuordnen kann, welchem Zweck diese sprunghaft und willkürlich wirkende Erzählweise folgt. Die reichhaltige Metaphorik und die bisweilen wenig ausgearbeitete Geschichte hinterlassen einen im einen Moment ratlos und mit dem Wunsch nach Hinweisen, im nächsten Moment wirken sie umso beklemmender, weil man in dem dadurch zur Verfügung stehenden Raum in nahezu alle Richtungen interpretieren kann. Der Regisseur schafft eine Atmosphäre aus Verwirrung, Angst und Schmerz, in der man unweigerlich den eigenen Dämonen begegnet. Dieser Blick nach Innen, diese Konfrontation mit den dunkelsten Flecken auf der eigenen Seele ist immer hässlich und beängstigend, aber wenn man sich ihr stellt, wächst man, lernt man, erkennt man.
Mit Können und Beharrlichkeit stößt der Regisseur in eben dieser Weise immer neue Fragen an.

  • Dass viele Menschen in dem Dorf die Zähne verlieren – ist das eine Metapher für ihren Wandel hin zum Besseren und also den tatsächlichen Verlust ihrer Sündigkeit?
  • Dass Mensch und Tier sich selbst die Augen auskratzen auf diesem verdorbenen Grund – bedeutet das, dass nur frei von Sünde sein kann, wer nichts sieht, nichts weiß?
  • Dass die Sauna die, die sie betreten, offenbar tötet – heißt das, dass es gar keine Erlösung gibt, dass alle Sünden, alle moralischen Verfehlungen nur durch den Tod abgegolten werden können?
  • Bedeutet die Gesichtslosigkeit des Angreifers am Fluss, dass der Mörder in der Anonymität einer Kriegsmaschinerie untergeht und mangels Identität und Individualität nicht für seine Taten einstehen muss?
  • Dass die Grenze mitten durch den Ort verläuft, das Dorf also sowohl hier wie auch da, ja wie auch nein, Nacht wie auch Tag ist – heißt das, dass Schuld und Unschuld keine sich gegenseitig ausschließenden Seiten sind, sondern beide nebeneinander bestehen, in einem ewigen Gleichgewicht, und der Untergang des Einen den Untergang des Anderen bedeutet?
  • Sind der Junge und der Mann am Fluss Sinnbilder für den grundlegenden Widerstreit zwischen dem Mitfühlenden und dem Rücksichtslosen, das jeder Mensch gleichzeitig in sich trägt?
  • Ist das Dorf kein Ort, sondern ein Symbol für den dunklen Fleck in uns allen, an dem wir geradestehen müssen für Dinge, die wir getan haben in unserem Leben? Nicht vor einem Gott, nicht vor einem Gericht, sondern vor uns selbst, ganz allein mit dem Wissen um unsere Fehler?
  • Und ist Eerik am Ende vielleicht gar kein Kommissar auf dem Weg nach Norden, sondern liegt verletzt in einem Lazarett, in einem Krieg, der nicht beendet ist, und trägt einen letzten Kampf mit sich selbst aus, um auf der Schwelle zum Tod mit seinen Verbrechen ins Reine zu kommen?

Ich weiß es nicht. Ich kenne keine einzige Antwort auf diese Fragen.
Ich weiß nur, dass dieser Film mich berührt wie schon lange kein Film mehr.
Normalerweise mag ich zu viel Interpretation nicht, ich mag Klarheit, Direktheit, ein paar Ebenen und dann ist Schluss, ich will ja auch mal ans Ziel kommen.

Bei diesem Film dagegen wird es kein Ziel geben, nur einen endlos langen Weg, mit Kurven und Abzweigungen, Kreuzungen und Sackgassen, und aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstehe, macht mich diese Vorstellung sehr glücklich.