Durchs wilde Österreich

Ein Rührstück in fünf Akten.

Zufälle

Wir fahren an einem Ortsschild vorbei. ‚Spittal‘ steht da.
„Ha!“, sage ich zu dem besten Mann von allen. „Spittal kommt in einem meiner allerliebsten Gruselhörspiele vor! ‚Der Pakt mit dem Teufel‘.“

Ich rezitiere den Dialog.
Mann 1:‚Ich muss morgen in Spittal sein! … Sie glauben nicht, dass die Straße geräumt wird?‘
Unheimlicher Kutscher:‚Heute Nacht nicht mehr. Weiter unten, auf Sankt Michaelis zu, liegt der Schnee zwei Meter hoch und die Straße nach Mariapfarr hoch ist zu!'“

„Hihi“, denke ich bei mir. „Spittal. Was für ein schöner Zufall, hier bin ich wirklich richtig.“ Doch dann: „Du, Moment mal, haben wir nicht auf der Hinfahrt die Ausfahrt Sankt Michael genommen?“ In der Sekunde, in der ich die Frage stelle, fliegt rechts das Schild ‚Mariapfarr‘ an uns vorbei. Es markiert den Beginn einer schmalen, ziemlich steilen Straße, die sich in einer Rechtskurve hinter dem Berg verliert.

Ich glaube nicht an Zufälle.
Ich glaube auch nicht an Schicksal, aber noch weniger glaube ich an Zufälle. Zufälle sind ein Mythos, eine urbane Legende. In meinem Leben sind Dinge passiert, haben sich Kreise geschlossen auf eine Weise, die ich nicht weniger als ‚grotesk‘ nennen würde.

Jetzt mag man sagen „Ach, so viel Magie ist das auch nicht. Ihr werdet den Namen ‚Spittal‘ bei Google Maps gelesen haben, als Ihr das Ziel Eures winterlichen Kurzurlaubs in Österreich festgelegt habt. Habt Euch über mögliche Anreisewege informiert und – schwupp! – hat das Unterbewusstsein zugeschlagen und die Kaufentscheidung getroffen. Keine Magie weit und breit, bloß Biochemie und Psychologie!“
Ich bin nach wie vor Naturwissenschaftlerin und wenn es so gewesen wäre, dann wäre mir die Erklärung absolut plausibel.
Aber es war nicht so.
Jemand anderer, der ‚Pakt mit dem Teufel‘ mit ziemlicher Sicherheit nicht kennt, hat uns das Reiseziel empfohlen und mit der Anreise haben wir uns in dem Moment zum ersten Mal beschäftigt, als wir am Salzburger Flughafen in den Mietwagen stiegen. Bis zu der Sekunde, in der die Straßenschilder an uns vorbeifliegen, wusste ich noch nicht einmal, dass der Ort Spittal in Österreich liegt (ich meine: Berge, whatever!).

Hinter uns liegen vier entzückende Tage, voller Erholung und Katzen, wie Sie noch sehen werden. Und wenn es überhaupt noch einen winzigkleinen Zweifel darüber gab, ob wir am richtigen Ort waren, dann ist er nach Spittal, Sankt Michaelis und Mariapfarr ausgeräumt – ja, ich möchte fast sagen ausgerottet.

Plattes Land

Man muss wissen: mit Bergen habe ich es nicht so.
Wenn man nicht zufällig am Hang wohnt oder auf dem Gipfel steht, sind Berge ein bisschen so wie wenn man einen Kartoffelsack über den Kopf gezogen trägt: dunkel und mit – haha! – überschaubarer Sichtweite.

Ich bin auf dem platten Land der schleswig-holsteinischen Hochebene groß geworden und auch, wenn ich mich niemals auch nur eine Sekunde „hanseatisch“ gefühlt habe, bin ich doch sowas wie ein gefühlter Nordfriese, ein Fischkopp by nature. Ich mag Fisch und ich mag plattes Land. Einmal fuhr ich mit dem Auto nach Holland hinein und die Landschaft war von so erfrischender Leere, dass mein Herz sogleich zu frohlocken begann. Ich brauche den endlosen Horizont und ich will nicht erst auf einen Berg steigen müssen, um ihn zu sehen.

Aber als Kind einer medial gehirngewaschenen Konsumentengesellschaft träumte ich von Hüttenromantik, wie ich sie aus der Fernsehwerbung kannte. Mit knisterndem Feuer, kleinen Hüttenfenstern, Daunendecken, die so dick sind, dass sie über einem zusammenschlagen, wenn man sich in sie hineinwirft, Bergen und Schnee.
Dilemma.

Also Berge besuchen. Aber wohin fährt man da, wenn man noch nie in den Bergen war und keine – hier, Riesenkracher jetzt! – heißen Hüttenlocations kennt?
Ich frug die bezaubernde Charis Stank, Inhaberin von www.wohlgeraten.de, die gewissermaßen Gletscherwasser in den Adern hat und sich den Bergen derart nahe fühlt, dass man glauben könnte, sie und die Alpen seien bei der Geburt getrennt worden.
Sie empfahl uns ein kleines Almdorf in Kärnten und nach einem Blick auf die Website waren wir begeistert. Die Preise ließen uns zwar zögern, angesichts des Anlasses (Erster Hochzeitstag) und der Tatsache, dass wir unsere eigentliche Hochzeitsreise ein Jahr davor wegen Erkältung und allgemeiner Schiefgehung vorzeitig abgebrochen hatten, beschlossen wir aber, uns den Urlaub trotzdem zu gönnen, quasi als Resthochzeits-und-Erster-Hochzeitstagsreise.

Feuer

In unserer Hütte gab es Feuer. Jede Menge Feuer. Einen großen Ofen, in dem ein großes Feuer prasselte (Lärchenholz, wie uns der Wirt im Weinkeller später erklärte). Außerdem Kerzen. Dutzende von Kerzen.
Wir wurden ständig von den Angestellten ermutigt, das Feuer zu schüren, zu füttern und nach Herzenslust neu zu entfachen in der Größe, die uns genehm erschien.
Das war überhaupt das Allertollste, dieser ganz natürliche Umgang mit der vielleicht ältesten Errungenschaft der Menschheitsgeschichte. Ich liebe Feuer. Ich habe diese Zivilisationsmenschen mit der übersteigerten Angst vor offenen Flammen nie verstanden. Feuer ist Licht, Feuer ist Wärme und solange 1. das Feuer nicht umfallen oder nichts in das Feuer fallen kann und 2. Kinder oder Haustiere nicht an das Feuer langen können, ist Feuer eine großartige Sache, die nach meiner Ansicht nicht unentwegt misstrauisch beäugt werden muss.

Das viele Feuer in der Hütte war umwerfend. Abends legten wir nochmal einen Scheit nach, bevor wir ins Bett gingen, und vormittags zündeten wir das Feuer an, bevor wir zu einem Spaziergang aufbrachen, damit es bei unserer Rückkehr schön warm in der Hütte sei. Und wenn wir es doch mal nicht angezündet hatten, hatte es in unserer Abwesenheit ein Almdorfmitarbeiter angezündet.
Man stelle sich vor: ein prasselndes Feuer. In einem offenen Ofen. Unbeaufsichtigt. Auf unsere Rückkehr wartend.
Und nicht nur in der Hütte. In der Rezeption brannte ein Feuer, im Weinkeller brannte ein Feuer, in der Holzknechthütte brannte ein Feuer, aus den Kaminen aller Hütten kroch ein würziger Rauch, dessen Duft in zarten Schwaden durch das Dorf zog.
So schön. So wunderwunderschön.

Katzen

Das umwerfende Feuer wurde nur noch übertroffen von den umwerfenden Katzen.
Im Ernst: die Sehnsucht nach unseren eigenen Katzen ist uns schon das eine oder andere Mal in ein verlängertes Wochenende reingegrätscht. Die Katzen gehören zu uns und warum also sollte man sich im Urlaub freuen, von ihnen fort zu sein?
Aber hier der Kracher: Im Almdorf gab es Ersatzkatzen! Vierzehn Stück an der Zahl, von denen sich drei bis vier dauerhaft in unserer Hütte aufgehalten haben.
Ein großer roter Kater, eine kleine schwarze Katze, die uns an den Nachtschatten aus ‚Drachenzähmen leicht gemacht‘ erinnerte, eine große schwarze Katze, die uns an unseren Kater erinnerte, und ein getigertes Ding mit Asthma, das ständig klang wie ein defekter Dampfkessel, aber wohl das liebste und verschmusteste Etwas auf der Welt gewesen wäre, wenn das nicht schon unsere eigene Katze wäre.

Verreisen ohne zu verreisen

Ich bin ja eher so der „Es ist nirgends schöner als daheim“-Typ (natürlich schlage ich dabei in Gedanken die Hacken meiner roten Schuhe dreimal gegeneinander). Ich bin kein Reisehase. Meine Familie ist nie verreist, aus Gründen, die viel mit Geld zu tun hatten, und das Ausland habe ich zum ersten Mal mit vierzehn gesehen, bei einem zehntägigen Frankreichaustausch.

Arm habe ich mich dadurch nie gefühlt. Mir fehlte nichts.
Die Welt fängt in meinem Kopf an, nicht hinter der Landesgrenze.

Jedenfalls. Das beste Zeichen für die Richtigkeit eines Urlaubsortes ist, wenn ich mich dort so* fühle wie zuhause.
Und im Almdorf Seinerzeit habe ich mich genau so gefühlt.

Bilder

Zum kompletten Fotoalbum bei Facebook geht es hier.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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*) sicher, geborgen, selbstbestimmt, frei