Das Monster

Eva lebt wie eine Geächtete am Rande der Vorstadt, allein, so weit wie möglich entfernt von den Menschen. Die Nachbarn beobachten sie misstrauisch, Unbekannte werfen Farbbomben auf ihr Haus, sie selbst verschanzt sich wie in einer Burg, die Gardinen sind immer zugezogen. Evas Haare sind strähnig, tiefe Falten durchziehen ihr Gesicht, nicht der kleinste Funken Lebensfreude leuchtet in ihren Augen, das frühere Charisma liegt nurmehr als Echo in ihren Zügen verborgen.

Siebzehn Jahre früher.

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Eva ist Mitte dreißig, autark, intelligent, voller Neugier auf das Leben. Ihren ungeheuren Lebenshunger stillt sie auf langen Reisen um die Welt, über die sie anschließend Bücher schreibt. Sie reist immer allein, ihr Partner Franklin, mit dem sie eine liebe- und lustvolle Beziehung führt, wartet zuhause auf sie.
Die beiden sind im besten Wortsinn ein modernes Paar: selbstbestimmt, unabhängig, frei.

Alles ändert sich, als Eva ungewollt schwanger wird. Es gelingt ihr nicht, Freude über die Schwangerschaft zu entwickeln. Es ist dabei nicht etwa so, dass Eva nicht Mutter werden will; sie ist ganz einfach keine Mutter und daran wird auch die bevorstehende Geburt nichts ändern.
Der Babybauch wirkt wie ein Fremdkörper an ihr, und genau das ist er auch: ein fremder Körper. Er gehört nicht zu ihr.

Das Kind ist ein Schreikind, jedes Lächeln der Mutter, mit dem sie versucht, ihr Baby zu erreichen, wirkt wie eine groteske Fratze, unaufrichtig und verzweifelt.

Als Kleinkind verweigert Kevin alle Aufforderungen zum Spiel, als Sechsjähriger straft er Evas Versuche, zu ihm durchzudringen, mit Häme und Verachtung. Schnell wird klar: nicht nur die Mutter liebt das Kind nicht, das Kind hasst auch die Mutter.
Der hochbegabte Kevin provoziert sie, führt sie vor, demütigt sie.
Alles, was er tut, scheint Berechnung zu sein, ein sorgsam ausgelegtes Schlageisen für die Mutter. Und sie tappt in jedes einzelne. Bei einer dieser Gelegenheiten verliert sie die Beherrschung und bricht ihm versehentlich den Arm. In jedem anderen Fall wäre diese Verletzung ein grober und kaum wiedergutzumachender Bruch des kindlichen Vertrauens. Hier nicht, denn es gibt kein Vertrauen, das zu zerstören wäre.

Vor dem Vater ist Kevin freundlich, zugänglich, lebhaft, die beiden spielen Videospiele, bolzen im Garten, der Vater bringt dem Sohn das Bogenschießen bei, und natürlich glaubt er Eva kein Wort, als sie ihm vom destruktiven und soziopathischen Verhalten Kevins erzählt.
Eva wird erneut schwanger und bringt ein Mädchen zur Welt, zu dem sie ein warmherziges und gesundes Verhältnis hat.

Als das Meerschweinchen der Tochter verschwindet und im Müllhäcksler wieder auftaucht, als die Tochter im Beisein des Bruders einen “Unfall” mit chemischem Abflussreiniger hat, der sie ein Auge kostet, wird Eva endlich klar, dass es um mehr geht als nur ein schlechtes Familienklima.
Den unvermeidlichen Gewaltausbruch, den Kevin schließlich auslöst, als Tragödie zu bezeichnen, wäre falsch. Es ist keine Tragödie, als Kevin in seiner Schule mit Pfeil und Bogen Amok läuft, seinen Vater und seine Schwester tötet und nur die Mutter am Leben lässt.
Es ist ein Großes Finale, die Krönung und der inszenatorische Höhepunkt seines Lebens.

“We need to talk about Kevin” (Lynn Ramsey)

Und hier findet sich vielleicht die einzige dramaturgische Schwäche in “We need to talk about Kevin”, dem ansonsten meisterhaften Film der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay. Sie inszeniert Kevin so lustvoll dämonisch, als Kind, das bösartig zur Welt kommt, dass er sich nicht recht fügen will in diesen Film, der vor allem durch seine sehr karge Erzählweise auszeichnet. Auch kommt dadurch der psychologische Aspekt zu kurz: der Mangel an mütterlicher Liebe, das Fehlen einer Bindung als mögliche Ursache und Erklärung für seine tiefe Störung.

Das eigentliche Monster dieses Films, die Sprachlosigkeit von Mutter und Sohn, tritt hinter Kevins Boshaftigkeit zurück.
Der winzige Moment Offenheit, der sich in den letzten Minuten des Films zeigt, hätte dieses Monster offenbaren und der gesamten Geschichte einen Sinn geben können. Er hätte die Stille betonen können und die Vehemenz, mit der Mutter und Sohn jahrelang nicht über ihre Gefühle sprechen. So aber wirkt er nach dem tiefen Hass zwischen beiden seltsam künstlich.

“We need to talk about Kevin” ist nichtsdestotrotz ein Meisterwerk. Die wunderbare Tilda Swinton verkörpert Eva mit einer verzweifelten Intensität, die bisweilen kaum auszuhalten ist. Diese Frau, deren Leben sich mit der Geburt des Sohnes in einen Albtraum verwandelt hat, aus dem es kein Entrinnen gibt. Diese Frau, die am Ende alles verloren hat, sogar sich selbst.
Es ist schwierig, den Impuls zu unterdrücken, sie als Opfer zu sehen.
Denn tatsächlich ist nicht nur der Sohn unfähig, sich mitzuteilen, die Mutter ist es auch. Miteinander reden ist der allerletzte Schritt, beide tun ihn erst, als sie nichts mehr zu verlieren haben.

Diese Frau ist kein Opfer und sie hat kein Mitleid verdient. Eva bereitet den Amoklauf genauso akribisch vor wie der Sohn. Ihr Schweigen und ihre Verdrängung sind es, die die monströse Sprachlosigkeit am Leben erhalten und so den Boden bereiten für die grausame Tat des Sohnes. Und als Kevin den gespannten Bogen gegen seine Mitschüler richtet, da ist Eva mit im Raum. Ohne es zu wissen oder gar zu wollen, lenkt sie seine Hände.

In dieser Geschichte gibt es keine Opfer, nur Verlierer.

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