Ich früher

Artikel

Was nicht gesagt werden muss

Seit ein paar Wochen ist mein Kopf wie eine Ideenautobahn und ich bin wie ein Narr, der mit einem Schmetterlingsnetz versucht, einzelne Ideen herauszufischen. Geht nicht, gelingt nicht, ich habe mir damit schon mindestens vier Netze ruiniert. In meinem Kopf sind unzählige Ideen, worüber ich mal bloggen könnte, aber ich kann keine einzige zuende denken, fertig machen, aufschreiben, festnageln. Ich bin ja durchaus ein Freund der Theorie, dass sich durchsetzt, was mir wirklich wichtig ist, aber das würde für eine größere emotionale Ungebundenheit in der jüngeren Zeit bei mir sprechen, was ich weit von mir weise.

Deshalb folgt nun ein Blogartikel über keine Blogartikel.

Nicht gebloggt habe ich über unsere beiden Katzen. Weder über die kleine Katze, die wahrscheinlich eines Tages mit dem Postboten mitgeht, weil sie so verschmust und vertrauensvoll ist und von uns natürlich nie gestreichelt wird. Noch über den Kater, der mein Seelenzwilling ist, weil er am liebsten in Ruhe gelassen werden will, aber einen Riesenaufstand macht, wenn er nicht genügend Aufmerksamkeit bekommt.
In dem Zusammenhang habe ich natürlich auch die Bilder der beiden Katzen nicht in den nicht-geschriebenen Blogartikel eingefügt (sondern nur zu den Facebook-Fotos verlinkt).
Kommt-noch-Faktor: 87%.

Kein Wort kam über meine Lippen über die Filme, die ich in den letzten Wochen gesehen habe, u.a. “Valhalla Rising”, “Der fremde Sohn”, “Margaret”, “Keine Sorge, mir geht’s gut”, “Exit Humanity” und “V/H/S”. Weil einige gut, aber keiner tief genug war, um mich im Innern zu erschüttern.
“127 hours” dagegen hat mich erschüttert und zwar so sehr, dass ich den halbfertigen Blogartikel seit sage und schreibe zehn Monaten in meinen Entwürfen habe und nicht fertig kriege.
Kommt-noch-Faktor: 76% für “127 hours”, für die anderen 3%.

Ich habe nicht über den unterirdisch schlechten Service von Hewlett Packard gebloggt, die mich bei einem Hardwaredefekt an einem vier Monate alten Rechner vor die Wahl stellten, ihn mittels zugesandtem Ersatzteil (und ebenfalls unterirdisch bebilderter Anleitung) selbst zu reparieren, oder ihn für 10 bis 15 Tage einzusenden.
Nicht geschrieben habe ich über die respektlosen Kommentare unter meinem entsprechenden Facebook-Post, die mir anrieten, “die Anleitung doch einfach meinem Mann zu geben”, und mich ansonsten ansprachen, als hätte ich den IQ einer Stehlampe.
Kommt-noch-Faktor: 7%.

Darüber, wie unfassbar dämlich ich einen Feminismus finde, der sich einer Sprache bedient, für die man ein Wörterbuch braucht, habe ich den Mantel des Schweigens gebreitet, weil ich sonst ausrasten und die Frage “Entschuldigung, wo lassen Sie denn denken?” mühsam herunterwürgen muss, und mir das in der Regel nicht gut bekommt. Außerhalb der Regel auch nicht, haha.
Kommt-noch-Faktor: 18%.

Ebenfalls für mich behalten habe ich das Resumée des wundervollen, wundervollen Ausflugs, den ich am Wochenende mit dem besten Mann von allen gemacht habe, und in dessen Verlauf wir Spuren von Rothirschen, Wildschweinen und Füchsen, sowie leibhaftig einen Raben und einen Feldhasen gesehen haben. Die vier ButterBirkenpilze, viereinhalb Parasolpilze und den Wiesenchampignon, die wir bei diesem Ausflug gefunden haben, habe ich nicht photographiert, und den ungeschriebenen Blogartikel nicht damit aufgewertet.
Kommt-noch-Faktor: 23%.

Immer noch nicht gebloggt habe ich über die dreiteilige Comicreihe “Schmetterlingsnetzwerk”, die mich so berührt hat wie schon lange nichts mehr und die genauso berührend gezeichnet ist. Auch über die Comicreihe “Crossed” habe ich nichts gesagt, die das Härteste ist, was ich jemals im Zombiebereich gesehen habe, und die mich kaum hat schlafen lassen, so entsetzlich war sie.
Kommt-noch-Faktor: 93%.

Geschwiegen habe ich auch darüber, dass mir seit Entstehen dieses Blogs viele Menschen signalisiert haben, dass sie gerne ein Buch von mir lesen würden. Und dass mich das unfassbar glücklich macht, weil Schriftstellerei ein Kindheitstraum von mir ist – allerdings einer, von dem ich nie jemandem erzählt habe und den ich auch niemals angegangen bin, weil ich immer glaubte, es reicht bei mir nicht zum Buch. Talent. Ehrgeiz. Phantasie. Natürlich habe ich auch nicht geschrieben über das Buch, das sich ums Verrecken nicht von mir schreiben lassen will. Hier, Schreibblockade vor dem ersten Satz, ein Riesenbrüller.
Kommt-noch-Faktor: 12%.

Meine Todesgrippe habe ich völlig unerwähnt gelassen, obwohl ich fast dran gestorben wäre und sie sich mittlerweile zu einer Bronchitis erwachsen hat, gegen die ich einen Asthmapüsterich mit mir führen muss. Sehr froh wäre ich, wenn ich mal wieder einen befreiten Atemzug tun könnte, aber habe ich mich darüber beklagt? Nein.
Kommt-noch-Faktor: 1,3%.

Keinen Blogartikel gab es über den vorletzten Tag vor dem Tod meines Vaters, weil Tag zwei und Tag eins die schlimmsten waren und ich merke, dass ich immer größeren inneren Anlauf brauche, um mich der Erinnerung zu stellen und mir die Bilder, Geräusche und Gerüche ins Gedächtnis zu rufen.
Kommt-noch-Faktor: 100%.

Ich habe nichts darüber geschrieben, wie es sich anfühlt, als Introvertierter durch die Welt zu gehen oder besser: als Introvertierter zuhause zu bleiben.
Kommt-noch-Faktor: 98%.

Nachtrag
Und wie auf’s Stichwort merke ich erst nach dem Veröffentlichen, dass ich den Artikel gar nicht zuende geschrieben habe.
So ein Blogartikel ohne ordentlichen Schlusssatz ist doch nicht Halbes und nichts Gan

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Kommentare (10 Kommentare)

# 1 / serotonic / 24.10.2012, 14:00

Hey, wenn wir uns in Sachen Feminismusartikel zusammentäten, wären wir immerhin schon bei 78,5%!

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    # 2 / Meike / 24.10.2012, 14:18

    Ha, zum Glück reicht das dann immer noch nicht zum Schreiben (ich bin doch gerade in der Empörungsentwöhnung).

    Antworten


      # 3 / Christian / 24.10.2012, 16:21

      12,5% hätte ich sicher noch dabei, und die Frau serotonic und ich sind ja eh bei dem Thema in der Übung.
      Andererseits muss manches auch gar nicht geschrieben sein. Ach, ich weiss es doch nicht.

      Antworten


# 4 / Anne / 25.10.2012, 07:27

Bei manchen Sachen lohnt es sich ja auch, den Blogartikel ungeschrieben zu lassen, bis die initiale Aufregung vorbei ist und dann noch mal zu gucken, ob man dann immer noch drüber schreiben will und wenn ja, dies vermutlich in weniger aufgeregtem Zustand tut.

Nachteil ist natürlich, dass weniger aufgeregte Blogartikel auch tendenziell immer weniger Aufregung bei den Lesern erzeugen. Aber das kann auch Vorteil, je nach dem, was man gerade so lieber hat.

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Pingback: 43/2012 – Webgedöns | Ach komm, geh wech!

[...] Frau Meike schreibt darüber, über was sie nicht schreibt (aber vielleicht doch noch). [...]


# 6 / Tom / 27.10.2012, 19:38

Endlich mal wieder ein Old-School Blog, bei dem der Blogger was über sich schreibt und keine öde Internetpolitik.

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# 8 / André / 28.10.2012, 17:45

Den Introvertierten-Artikel mach bitte :-)

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Pingback: Link(s) vom 28. Oktober 2012 — e13.de

[...] Was nicht gesagt werden muss „Natürlich habe ich auch nicht geschrieben über das Buch, das sich ums Verrecken nicht von mir schreiben lassen will. Hier, Schreibblockade vor dem ersten Satz, ein Riesenbrüller.“ [...]


 

Pingback: Bloggen, um Familienglück zu erhalten: Kerstin Hoffmanns (PR-Doktor) Blogperlenspiel | Wissenschaft und neue Medien

[...] – wodurch natürlich andere zwangsläufig wieder hinten runterfallen. Sehr gerne lese ich Meike Lobo weil sie einfach wunderbar [...]


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