Über die Lautstärke von Langsamkeit

Gus van Sant ist so etwas wie das slow food unter den Filmemachern.
Da, wo andere immer mehr beschleunigen, um in immer härteren Schnitten Dramatik und Intensität zu erzeugen, bremst er ab. Und dann bremst er noch etwas mehr. Noch mehr. Noch ein kleines bisschen. Bis er fast steht. Und dann hält er die Kamera drauf. In endlos langen Einstellungen lässt er die Teile seines Mosaiks für sich sprechen. Die Gesichter der Protagonisten, die Landschaften, die Gebäude, die Bewegungen, die Geräusche.
Und das, was aus dieser entschleunigten Erzählweise entsteht, ist an Intensität kaum zu übertreffen.

Amazon-Link (bitte {link url='http://www.fraumeike.de/guter-zweck/'}Hinweise{/link} beachten!)

In „Gerry“ lässt er zwei junge Männer durch eine Wüstenlandschaft wandern. Eine Wanderung, von der nur einer zurückkehren wird. Weil man sich verläuft, weil man kein Wasser mitgenommen hat und keine Karte, weil man die Kräfte verschleudert anstatt sie einzuteilen. Leichtsinn wechselt mit Dummheit, Hybris mit Verzweiflung und am Ende ist einer tot.
Wenn die beiden jungen Männer in einer achtminütigen Sequenz ohne Schnitt über einen endlos weiten Salzsee wanken, in winzigen Schritten auf wackeligen Beinen, die den Körper kaum noch aufrechthalten können, und mit nichts als Stille und der Morgendämmerung um sie herum, dann möchte man schreien, den Fernseher aus dem Fenser schmeißen, weil es so quälend, so hyperschmerzhaft ist, diesen ereignislosen Albtraum mitanzusehen, der in Wahrheit ein erbitterter Kampf um das eigene Leben ist.

Statt den Zuschauer zu erlösen, durch eine schnelle Rettung oder einen schnellen Tod, zwingt van Sant ihn, einfach zuzuschauen.
In langen Großaufnahmen der Gesichter offenbart sich die Erkenntnis der Männer über die eigene Dummheit und wenn sich ihr Leben Sekunde um Sekunde, Minute um Minute länger hinzieht, dann sehnt man ihren Tod herbei und ist fest davon überzeugt, es sei zu ihrem Besten.
Der Film besteht bei einer Länge von 103 Minuten aus nur rund 100 Einstellungen und das muss man ertragen können.

Amazon-Link (bitte {link url='http://www.fraumeike.de/guter-zweck/'}Hinweise{/link} beachten!)

Ähnlich langsam geht es in dem Film „Elephant“ zu, in dem van Sant den Amoklauf an der Columbine Schule in Littleton aufgreift.
Stärker noch als in „Gerry“ verzichtet van Sant hier auf einen konventionellen Erzählstrang. Sein Film folgt in sehr loser Chronologie einzelnen Schülern, ihrem Weg zur Schule, ihrer Stellung in der Klassengemeinschaft, ihren Leidenschaften, ihren Gedanken. Ruhig und unaufgeregt folgt der Regisseur den Jugendlichen in ihre Welt. Da sind kleine und große Dramen und doch nichts als Normalität. Die Kamera folgt ihnen im wahrsten Sinn des Wortes, denn man sieht sie auf den Schulgängen meist von hinten.

Rückblenden folgen auf Vorschauen, das „Eben noch“ klebt am „Gleich schon“ wie eine Gliedmaße, die von einem blinden Frankenstein einfach so irgendwo an den Körper des Monsters genäht wurde. Das alles in den gewohnt langen Einstellungen, das Schulgebäude wird durch die ungeschnittenen Wege riesig, das jugendliche Leben breitet sich wie ein erdrückender Berg vor dem Zuschauer aus.

Mit der gnadenlosen Neugier eines dreijährigen Kindes hält van Sant sein Vergrößerungsglas über Alex und Eric, das ungleiche Brüderpaar, das ein Inferno über die Schule bringen wird. Ohne Scham und ohne Wertung starrt und starrt der Regisseur auf ihre akribischen Vorbereitungen. Die Anschaffung mehrerer Feuerwaffen, das Festlegen der „Schießroute“ im Schulgebäude, das Ausarbeiten eines Ausweichplans, falls der erste schief geht. Und der Zuschauer starrt mit. Muss starren. Fassungslos. Mit Schmerz im Kopf und im Herzen, weil er weiß, was kommen wird.

Auf den ersten Blick könnte man vielleicht sagen, bei Gus van Sant passiert nicht viel, so ruhig und langsam geht es zu, und das wäre noch nicht einmal ganz falsch. In beiden Filmen passiert tatsächlich nicht viel. Es wird kaum geredet, es gibt keine dramatischen Stilmittel, es gibt noch nicht einmal eine treibende Filmmusik, die Atmosphäre erzeugen könnte.

Aber auf den zweiten Blick offenbart die Langsamkeit eine solche Wucht, eine solche Lautstärke und Dichte, dass es kaum auszuhalten ist. Denn die Atmosphäre wird im Kopf des Zuschauers erzeugt. Vielleicht könnte man also auch sagen, Gus van Sant ist, was Du draus machst.

„Gerry“, das kann ein lahmer Film über zwei Großstadttrottel sein, die in der Wildnis die gerechte Strafe für ihre unsagbare Dummheit bekommen. Oder es kann ein ergreifender Film über die Vergänglichkeit allen Seins sein. Oder einer über das Reifen an Erkenntnissen.
„Elephant“ kann ein unfassbar brutaler Film über eine menschliche Tragödie sein, dem es eindeutig an Gefühl fehlt. Oder ein schmerzlicher Blick in die Jugendlichkeit an sich und wie schwer sie einem erscheint, wenn man drinsteckt und nicht rausweiß.

Gus van Sant ist harte Arbeit, so oder so. Man muss sich viel Zeit nehmen, nicht nur um den Film anzuschauen, sondern auch, um das Werk anschließend in sich reifen zu lassen. Sich einzufühlen in diese extrem nüchterne Erzählweise, ist wahnsinnig anstrengend.

Wer es trotzdem tut, wird belohnt.
Nicht mit implantierten Gefühlen, sondern mit der Wahrhaftigkeit einer aus sich selbst kommenden Antwort.