Lieber Vater: Noch vier Tage.

20. November 2009. Freitag.
Ich wache mit Grippe auf. Was, wenn mein Schnupfen Vati tötet, frage ich den Mann. Sein Immunsystem läuft auf Notstrom und ich will nicht Schuld an seinem Tod sein. Ich rufe Mutti an. Ist es okay, wenn ich mit Krankheit komme? Nicht, dass ich ihm den Rest gebe. Sie sagt, mach Dir keine Sorgen.
Jetzt ist es auch schon egal. Sagt sie es oder denke ich es? Ich weiß es nicht.

Wir steigen ins Auto und der Mann fährt an einer Apotheke vorbei. Geben Sie uns alles, was die Symptome unterdrückt, sagt er. Ich wollte das so. Sofort werfe ich eine bunte Mischung aus Tabletten ein, die machen sollen, dass ich in den nächsten Tagen das leisten kann, was ich leisten muss.
Meinen Vati auf seinem letzten Weg eskortieren.

Die Scheißautobahn zwischen Berlin und Hamburg ist wie immer scheißvoll und wir brauchen vier Scheißstunden für den Weg. Jede Minute, die wir später ankommen als angekündigt, brennt wie eine heiße Nadel in meiner Seele. Weil ich Vati im Stich lasse und Mutti. Weil ich nicht zu meinem Wort stehe. Weil ich meine Zusage nicht halten kann.

An diesem Vormittag wollte der Arzt nochmal kommen, um nach Vati zu sehen. Ihm zuzureden wegen des Morphiums und der Beruhigungstabletten. Außerdem will ein Kollege von der Arbeit kommen.
Die Arbeit. Es gibt nichts, was Vati so wichtig war wie die Arbeit. Es quält ihn zu wissen, dass er keinen Nachfolger einarbeiten kann. Dass er keine Zeit mehr hat, sein Werk ordentlich zu übergeben. Dass er seine Firma im Stich lässt.
Er möchte sich mit dem Kollegen, den er sehr schätzt, aussprechen. Sich von ihm verabschieden. Und mit ihm klären, wie anschließend für Mutti gesorgt wird.
Er kann praktisch nicht mehr ohne Hilfe vom Sofa aufstehen, aber das will er selbst regeln.

Mein Bruder ist zwar da, lässt die beiden Männer aber alleine. Mutti und er sitzen auf dem Balkon. Er weint, sagt Mutti mir später.

Als der Kollege später wieder weg ist, fragt mein Bruder Vati, wie es gelaufen ist. Sehr gut, besser als erwartet, sagt Vati. Vor uns spricht er von Abfindung und nennt eine Summe. Wenigstens muss Mutti nicht aus der Wohnung raus, weil sie sie alleine nicht bezahlen kann.

Als der Mann und ich ins Wohnzimmer kommen, liegt Vati auf dem Sofa, leicht auf den Ellenbogen gestützt. Sascha. Du bist nicht böse, wenn ich nicht aufstehe? Er sagt es mit seiner Männer-unter-sich-Stimme. Kratzt alle Stärke zusammen, die er noch hat, und legt sie in seine Simme. Sie klingt trotzdem schwach. Wir reden nicht, sondern plaudern nur. Der Mann und mein Vati haben sich nur einmal vorher gesehen. Im Oktober, wir waren alle zusammen Pilze suchen. Vati mag den Mann, das spüre ich, aber da ist so viel Fremdheit, er würde sich nie erlauben, vor dem Mann Schwäche zu zeigen. Noch weniger, als er es sich vor uns erlaubt.

Mein Bruder sagt, schau, ich habe vorhin noch einige Fotos gemacht von Vati und Mutti. Wir schauen auf das Kameradisplay. Die Sonne durchflutet das Zimmer, mein Vater sitzt auf dem Sofa neben meiner Mutter und zieht Grimassen. Wie immer. Clown. Wäre er nicht so erschreckend dünn, man könnte glauben, er sei gerade aus dem Bett aufgestanden und mache ein paar Spöksken im Sonnenschein.
Wie soll ich leben ohne Deine Späße, Vati?

Später geht der Mann weg. Ich weiß nicht mehr genau, wohin. Ins Hotel vielleicht oder zu einem Freund.
Ich erzähle Vati von dem Arzttermin. Dass alles in Ordnung ist, ich gesund bin und wir aller Voraussicht noch Kinder haben können. Ich erzähle, wie der Mann und ich uns kennengelernt haben. Wie der Mann mich behandelt. Liebevoll und voller Achtung. Dass ich mich noch nie so geborgen gefühlt habe und dass ich immer in Sicherheit sein werde, solange der Mann bei mir ist.
Ich sage, willst Du heute nicht doch mal das Morphium nehmen? Das ist nicht schlimm, es wird Dir helfen, Luft zu bekommen. Schließlich willigt er ein.

Vati und ich halten uns an den Händen und lächeln uns an. Schmerz. Es gibt keine Worte mehr. Nur noch Abschied.

Morgen hat mein Bruder Geburtstag. Wir wollen nochmal alle zusammenkommen. Oma wird dabeisein. Mutti und Vati hatten Oma erst vor zwei Jahren von Dortmund nach Hamburg geholt haben, um sie — Ironie des Schicksals — im Alter besser pflegen zu können. Meine Tante, Schwester meiner Mutter, will auch kommen.
Abschied. Das letzte Mal, hämmert es in meinem Kopf. Das letzte Mal, das letzte Mal.

Am Abend nimmt Vati das Morphium. Er trinkt es aus dem kleinen Fläschchen.
Er ist auf die Zielgerade eingebogen und er weiß es.

Noch vier Tage, dann bist Du tot.


 
Lieber Vater: Prolog.

Lieber Vater: Noch sieben Tage.

Lieber Vater: Noch sechs Tage.

Lieber Vater: Noch fünf Tage.

Lieber Vater: Noch vier Tage.

Lieber Vater: Noch drei Tage.

Lieber Vater: Noch zwei Tage.