Lieber Vater: Noch fünf Tage.

19. November 2009. Donnerstag.
Heute werde ich Dich alleinlassen.
Ich muss nach Berlin, zu einem Arztbesuch.
Mutti ist ins Büro gegangen, ihr tiefsitzendes Pflichtbewusstsein habe ich noch nie verstanden, aber vielleicht braucht sie auch einen Moment Distanz. Von Dir, vom Tod.

Mein Bruder will im Laufe des Vormittags kommen, er hat noch einen Kundentermin. Vati wird rund eine Stunde allein sein und dieser Gedanke frisst mich auf.
Vati war immer der Rudelführer unserer Familie und jetzt, wo er krank ist, bin ich der Rudelführer. Und ich muss ihn alleinlassen. Es tut mir so leid. Aber ich muss zu diesem Arzttermin. Ich will zu diesem Arzttermin.
Ich muss zur Gynäkologin.
Vor etwas über zwei Monaten bin ich dem Mann meines Lebens begegnet, wir wollen heiraten und Kinder bekommen, das war uns irgendwie schon bei unserer ersten Begegnung klar. Ich bin nicht mehr so jung und ich habe Angst, dass es zu spät ist für Kinder. Die Ärztin soll das untersuchen.
Dieser Arzttermin ist mir wichtig.

Ich ziehe mich an, Vati sitzt auf dem Sofa, eingefallen und schwach. Sein Blick ist so sanft wie ich es noch nie bei ihm gesehen habe. Ich sage, B. kommt gleich, Du bist nicht lange allein. Er sagt, ist gut, es ist nicht schlimm.
Ich gehe aus dem Wohnzimmer, werfe ihm noch eine Kusshand zu.
Später wird mich das Bild verfolgen wie er da auf dem Sofa sitzt und mir schwach zulächelt, von mir alleingelassen. Im Stich gelassen.

Ich werde eine Weile brauchen, um mir zu verzeihen, dass ich an diesem Tag von Dir weggegangen bin.

Vor mir liegt ein Tag, der weitgehend im Nebel versinkt, eine Aneinanderreihung von Erinnerungslücken. Nur vereinzelte Momente tauchen wie Schemen aus den Schwaden auf.
Ich weiß nicht, wie ich nach Berlin komme, ich erinnere mich nicht daran, wie der Mann mich vom Bahnhof abholt, oder daran, wie ich die Treppe zu meiner Frauenärztin hochsteige.
Nur daran, dass ich plötzlich im Wartezimmer sitze, als Einzige, und die Schwester sagt, Sie sehen so blass aus, kann ich Ihnen helfen? Ich schüttele den Kopf, lächele gequält und sage, ein schwerer Krankheitsfall in der Familie. Sie sagt, oh, ich hoffe, es ist nicht so schlimm. Doch, sage ich, Lungenkrebs im Endstadium. Ihre Miene drückt Bestürzung aus, dann geht sie wieder und sagt es der Ärztin. Als ich aufgerufen werde, fragt sie direkt, wie es mir geht, und lässt mir danach zwanzig Minuten Zeit, von Vati zu sprechen.
Sie untersucht mich, es ist alles okay, ich kann Kinder kriegen, der Mann holt mich ab und wir fahren in meine Wohnung.

Der Mann sagt, Du musst etwas essen, und schmiert ein paar Brötchen. Seit gestern spüre ich, dass ich eine Grippe bekomme. Ich bekomme kaum einen Bissen hinunter.
Egal. Alles egal. Ich weine. Und höre für die nächsten zwei Stunden nicht mehr auf damit. Zum ersten Mal weine ich nicht um Vati, sondern um mich. Ich weine aus Trauer, aus Angst, aus Verzweiflung, aus Hilflosigkeit. Ich reiße mich nicht zusammen wie die letzten beiden Tage. Meine Kraft ist aufgebraucht. Ich lasse mich völlig vernichten. Der Mann sagt nichts, hält mich bloß fest und streichelt mich. Ich sage, mein Vati stirbt, innerlich schreie ich es, und der Schmerz verwüstet mich. Mit krallenartigen Fingern zerfetzt er mein Inneres, bis nur noch ein blutiges Chaos übrig ist.
Mein Vati stirbt.

Mein Vati. Mit dem ich als Kind das Dynamische Duo war. Unzertrennlich. Ein eingeschworenes Team, eine Vertrauensblase, in der nur wir beide lebten. Alles haben wir zusammen gemacht, alles.
Mein Vati. Den ich in meiner Pubertät so gehasst habe, weil er nicht loslassen konnte, als ich auf eigenen Füßen stehen wollte, weil er aus lauter Hilflosigkeit vor meiner überbordenden Gefühlswelt mit Wut reagierte, weil er mich alleine ließ, als er mir nicht helfen konnte.
Mein Vati.
Ich bin ein Vaterkind. Fast alles, was ich bin, fast alle meine Eigenschaften, Eigenheiten, selbst meine Figur habe ich von meinem Vati. Meinen Narzissmus, meinen Egoismus, meine Dominanz, meinen Stolz, meine analytische Denke, meine Überheblichkeit, meine Intelligenz, meinen Trotz, meinen Humor, mein Alpha, meine Eitelkeit, meine Stärke, meine Stimme.

Sein bevorstehender Tod fühlt sich für mich an, als würde mein siamesischer Zwilling von meiner Seite abgerissen.

Ich weine so lange, bis mir schlecht ist, bis ich völlig erschöpft bin. Bis ich nicht mehr kann.
Die Grippe hat jetzt leichtes Spiel und holt sich, was bei mir zu holen ist.

Am Abend telefoniere ich mit meiner Freundin S. in Hannover und erzähle. Ich weiß nicht, ob ich dabei auch weine oder nicht.
Danach Schlaf.

Morgen Vormittag wollen wir gemeinsam nach Hamburg fahren. Der Mann bleibt bei mir. Er sagt, ich komme mit und bleibe da, solange Du mich brauchst. Ich schlafe im Hotel oder bei einem Freund, mach Dir keine Sorgen.
Ich sage, in Hamburg warten wir auf den Tod. Bitte widersteh dem Impuls, jemandem Hoffnung zu machen.
Es gibt keine Hoffnung und kein „Alles wird wieder gut“.
Und unterschätz den Geruch nicht. Er ist ekelerregend.

Später, Vati, wenn Du schon lange tot bist, werde ich anfangen, auch die weicheren Seiten in mir zuzulassen, auch Eigenschaften von Mutti zu erlauben. Ich werde anfangen, mir Schwäche zu verzeihen, und den Anspruch aufgeben, immer alles alleine zu schaffen und nie jemanden um Hilfe bitten zu müssen.

Aber noch bist Du da und noch will ich stark sein. Für Dich, für Mutti. Sie braucht jetzt jemanden, der sie stützt.

Noch fünf Tage, dann bist Du tot.


 
Lieber Vater: Prolog.

Lieber Vater: Noch sieben Tage.

Lieber Vater: Noch sechs Tage.

Lieber Vater: Noch fünf Tage.

Lieber Vater: Noch vier Tage.

Lieber Vater: Noch drei Tage.

Lieber Vater: Noch zwei Tage.