Lieber Vater: Noch drei Tage.

21. November 2009. Samstag.
Der Geburtstag meines Bruders.
Heute wollen nochmal alle kommen. Mein Bruder, meine Oma (Vatis Mutter), Muttis Schwester.
Torte essen, B. gratulieren, zusammen sein, ein letzter Augenblick Normalität, bevor die Hölle losbricht.

Mutti und ich wachen wie jeden Tag sehr früh auf, wir tun so als ob wir frühstücken, Vati isst nichts, er trinkt nur einen hochkalorischen Scheißdreck, den uns der Arzt empfohlen hat. Schokoladengeschmack. Das einzige, was er noch runterbekommt. Er möchte nicht im Bademantel bleiben wie gestern, sondern sich ordentlich anziehen an diesem besonderen Tag, und er besteht darauf, es allein zu tun. Er nimmt das Morphium und zieht sich auf der Bettkante sitzend an. Den schönen neuen Pullover, den Mutti ihm gerade erst gekauft hat.

Während wir auf die Besucher warten, sitze ich neben Vati auf dem Sofa und streichle seinen Rücken. Mutti kommt hinzu, setzt sich auf die Armlehne und beginnt ebefalls, ihn zu streicheln. Das ist ihm zu viel, er mag es nicht, so bedrängt zu werden. Ich mag das auch nicht und doch kann ich mich nicht dagegen wehren, es zu tun. Ich will ihn festhalten. Meinen Vati. Er soll doch hierbleiben, bei uns, bei mir.
Aber natürlich höre ich auf und rücke von ihm ab. Es soll ihm gutgehen. Nur gutgehen.

Als erstes kommt B. Er hat Oma abgeholt, die ihren Sohn heute zum letzten Mal sieht. Sie zuckt merklich zusammen, als sie ihn sieht. Wir setzen uns alle hin, es fallen Sätze wie „Du siehst gut aus“, weil er sich so schick gemacht hat. Mein Vati wiegt 59 Kilo. Er ist ein Skelett. Der Besuch strengt ihn sehr an und das Morphium benebelt seinen Verstand. Sein Blick ist glasig und abwesend, der Mund steht offen, die Lippen sind trocken.
Wir machen Photos. Die letzten Photos, die ich von meinem lebenden Vater haben werde. Jeder von uns setzt sich mal neben ihn, Vati versucht jedesmal zu lächeln, wie ein dressiertes Tier. Schuldgefühle. Wir haben ihn photographiert wie eine Kuriosität.

Ich habe die Bilder bis zum heutigen Tag nicht angesehen, ich kann Dich nicht ansehen, geliebter Vati, nicht so. Ich vermisse Dich so.

Omi fällt es sehr schwer, den Schmerz im Zaum zu halen, und ich schlage ihr vor, dass wir mal kurz nach nebenan gehen. Es tut ihr weh, wie es uns allen wehtut. Ich versuche, sie zu halten. Er hat keine Schmerzen, Omi, mach‘ Dir keine Sorgen. Wir wollen froh sein, dass es so schnell geht. Denk an Opa, der den gleichen verfluchten Krebs hatte und den Du neun Monate zuhause gepflegt hast, während er immer mehr verfiel. Neun Monate. Lass uns dankbar darüber sein, dass Vati das erspart bleiben wird.

Mir gibt die Unumstößlichkeit der Tatsachen ein wenig Halt, vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich einmal nicht die Verantwortung spüre, ein Problem zu lösen. Omi findet keinen Halt. Immer wieder und auch viel später hadert sie mit seinem Tod. Hätte er doch nur früher mit dem Rauchen aufgehört. Hätte er doch Ärzte aufgesucht.

Wir gehen wieder hinüber und würgen alle ein Stückchen Kuchen herunter. Als Tante B. geht, sagt Vati „Wir sehen uns dann nächste Woche“. Sein Verstand ist wirr vom Morphium.

Schließlich sind alle weg. Nur Mutti, der beste Mann von allen und ich sind noch da. Der Fernseher läuft, irgendeine Reisereportage aus China. Vati bekommt nicht viel mit an diesem Abend. Der beste Mann von allen geht in die Küche und macht Mutti und mir etwas zu essen. Er ist dieser Tage der Einzige, der darauf aufpasst, dass Mutti und ich nicht umfallen.

Im Fernseher redet ein alter Chinese über sein Leben und worauf es so ankommt.
„Wenn Du am Ende zuhause und im Kreis Deiner Familie sterben kannst, dann hast Du ein gutes Leben geführt, dann hast Du es richtig gemacht.“
Der alte Mann lächelt dabei.

Ich sehe aus dem Fenster in die Dunkelheit und höre weg.

Geliebter Vati.
Noch drei Tage, dann bist Du tot.


 
Lieber Vater: Prolog.

Lieber Vater: Noch sieben Tage.

Lieber Vater: Noch sechs Tage.

Lieber Vater: Noch fünf Tage.

Lieber Vater: Noch vier Tage.

Lieber Vater: Noch drei Tage.

Lieber Vater: Noch zwei Tage.