Grundeinstellung: gestresst.

Wir gehen über den Alex, weil wir da Dinge tun müssen. Der Mann versucht, mit mir zu klären, in welcher Reihenfolge wir sie am besten tun. Ich kann mich kaum konzentrieren, denn es treten auf:
2 Männer, die sich streiten,
1 schreiendes Kind,
13 Jugendliche, die lautstark mit ihrem Handy reden,
1 Frau und kurze Zeit später noch 1 Frau, die völlig unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund vor mir stehenbleiben,
der Knall einer Papiertüte, die von Kasperköpfen aufgeblasen und zum Platzen gebracht wird,
5 Skater,
2 Straßenbahnen,
1 Krankenwagen und
ungefähr 72 Menschen, die viel zu dicht an mir vorbeigehen.

Alles sehe ich. Alles höre ich.
Der Mann schaut mich erwartungsvoll an, vermutlich will er meine Entscheidung bezüglich unserer Einkaufsplanung hören.
Wie war die Planung nochmal? Was müssen wir erledigen? Schau mal, da hinten, läuft dieses Kind nicht gleich vor die Straßenbahn? Ach nee, doch nicht. Aber dort, die beiden Männer. Sie streiten sich, werden sie sich gleich schlagen? Warum bleiben diese bescheuerten Kühe ohne Grund direkt vor mir stehen? Schnell ausweichen! Ja, erst der Fernseher bei Saturn, oder? Hilfe, dieser Typ geht ohne Grund ganz dicht an mir vorbei, will der was? Schau mal, Mann, will der was?! Der Mann fragt „Was ist denn?“ Er hat den Typen nicht gesehen. Und eine Wolldecke brauchen wir noch, ganz klar! Da hat doch was geknallt! Schießt da jemand?! Dort hinten ist eine kleine Menschentraube, ist dort jemandem etwas passiert? Muss der Krankenwagen hier durch? Äh, ja, Kissen auch noch! Oh, ich glaube, der Skater fällt gleich und bricht sich was, ich kann da nicht hingucken! Mann, ich kann jetzt nicht überlegen, ich muss hier weg, lass uns bitte schnell an die Seite treten.
Was war denn? fragt der Mann. Er hat all das entweder nicht bemerkt oder gleich wieder vergessen. Erst bin ich sauer, weil er so unaufmerksam ist, aber im Grunde weiß ich, dass es richtig ist. Nicht alles zu sehen, nicht alles zu hören, Dinge ausblenden zu können. Ich kann das nicht. Ich kann nicht anders, als immer alert zu sein, immer wachsam, weil um mich herum immer fort Dinge geschehen, auf die ich aufpassen muss. Menschen, auf die ich aufpassen muss. Ich muss mich vor den Menschen beschützen und ich muss die Menschen vor sich selbst beschützen. Denke ich dann.
Ich bin gestresst by default.

Geräusche. Ich kann die wichtigen nicht von den unwichtigen unterscheiden. So etwas wie Hintergrundrauschen gibt es bei mir nicht. In meinem Kopf wiegen fast alle Geräusche gleich schwer. Sie sind alle gleichlaut und sie sind alle im Vordergrund.
Musik ertrage ich nur, wenn ich sie mir selber aussuche und per Ohrknöpfe in meinen Kopf hineinspüle. Musik in Cafés, in Supermärkten, in Kaufhäusern oder Bahnhöfen ertrage ich nicht. Ich bin wahrscheinlich der multitaskingunfähigste Mensch auf der gesamten Welt. Ich kann nicht lesen, wenn Musik läuft, ich kann nicht telefonieren, wenn jemand im Raum spricht, ich kann mich nicht unterhalten, wenn sich um mich herum viele andere Menschen auch unterhalten.
Dabei entsteht in meinem Kopf ein unfassbares Getöse, eine Kakophonie des Grauens.
Das einzige Geräusch, das ich immer als angenehm empfinde, ist das Ticken einer Uhr in einer ansonsten totenstillen Wohnung. Ruhe.

Für den besten Mann der Welt ist das wahnsinnig anstrengend. Kaum dass wir die Wohnung verlassen, bekomme ich diesen gehetzten Blick, der versucht, jede Eventualität im Voraus zu erspähen. Der Mann weiß, dass, wenn mein Limit erreicht ist, nichts mehr hilft als die Situation sofort zu verlassen. Auch wenn er eigentlich noch bleiben möchte. Im letzten Jahr waren wir auf der Echo-Verleihung. Drei Stunden in einem Raum eingepfercht, auf harten Stühlen, die auch gut in den Warteraum einer deutschen Behörde gepasst hätten, die Musik der Live-Acts in meinen Ohren falsch ausgesteuert, nur Geschepper, danach fortgeschwemmt in einem Meer aus Menschen. Lärm, Lachen, Rufen, Alkohol, Musik. Grauenvoll. Vor der Tür habe ich beinahe geweint, weil mir diese Reizüberflutung fast körperliche Schmerzen bereitet hat.
Aber der Mann liebt mich. Er sagt, er liebt mich, weil ich dreihundert mal mehr wahrnehme als alle anderen Menschen, die er kennt. Und weil ich weiter davon entfernt bin, ein abgestumpfter Zombie zu sein, als irgendjemand sonst.

Ich mag das eigentlich auch. Denn nicht nur das Chaotische, das Aggressive, das Hektische nehme ich wahr, sondern auch das Zarte, das Schöne, das Besondere. Die Ameise auf der Fensterbank, die überaus ernsthaft in Ameisenangelegenheiten unterwegs ist, die Feder, die von irgendwoher durch die Luft schwebt, das Sonnenlicht, das sich in dem gallertartigen Mantel einer Seestachelbeere bricht.
Details, die diese Welt für mich zur schönsten aller möglichen Welten machen.

Und doch. Manchmal denke ich mir, wie das wohl wäre, einmal zu jemandem zu sagen „Hm? Was war? Ich habe es nicht mitbekommen.“