Eine kurze Geschichte über Gewalt

England 1974. Ein Mann überfällt ein Postamt. Niemand wird verletzt, niemand wird getötet. Seine Beute: 26 Pfund.
Und obwohl sein Urteil für diesen Raubüberfall nur auf sieben Jahre lautet, wird er das Gefängnis für die nächsten 35 Jahre nicht mehr verlassen. 30 Jahre davon wird er in Einzelhaft verbringen. Sein Name: Michael Peterson.

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„Bronson“ erzählt die wahre und überaus eigenartige Geschichte des Mannes, der bis heute als der gewalttätigste Häftling Englands gilt.
Angriffe auf Wärter, Prügeleien mit Mithäftlingen, Aufstände und mehrere Geiselnahmen führen zu immer neuen Verurteilungen und ständigen Verlegungen. Sage und schreibe 120 Mal wird Peterson während seiner Gefängnislaufbahn verlegt, unter anderem in eine Nervenheilanstalt sowie in eine Anstalt für geisteskranke Kriminelle. Petersons Haftstrafe wird immer wieder verlängert und ist bis heute nicht abgesessen.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn, der letztes Jahr mit „Drive“ sein vielbeachtetes Hollywood-Debüt gab, bietet in „Bronson“ weder Interpretation noch Erklärung für die immense Gewaltbereitschaft seines kraftstrotzenden Helden. Winding Refn wertet nicht, er berichtet nur. Das ist einerseits die große Stärke des Films, hinterlässt einen aber andererseits ziemlich ratlos.
Bei „Bronson“ versagen alle Mechanismen von Empathie und Einfühlungsvermögen.

Ein Mann gibt jedem auf die Fresse, der ihm in die Quere kommt, aber weder Wut noch Sadismus scheinen dabei eine Rolle zu spielen. Er träumt etwas einfältig vom großen Ruhm ohne besonderes Talent, wirkt dabei aber selbstbestimmt und intelligent. Er revoltiert in einem fort gegen die Justiz, aber um die Wiedererlangung der Freiheit geht es ihm nicht.

„Bronson“ ist die Geschichte eines Mannes, der nach Höherem strebt, raus aus der Mittelmäßigkeit englischer Arbeiterviertel. In Ermangelung anderer Talente ist das Mittel seiner Wahl Gewalt.
Zunächst versucht er sich als „bare knuckle“-Boxer, kämpft also mit nackten Fäusten in schäbigen Hinterzimmern und verfallenen Scheunen. Er nennt sich Charles Bronson, nach dem Schauspieler, weil das „Ein Mann sieht Rot“-Image gut zu ihm passt.
Kurz darauf überfällt er besagtes Postamt mit einer abgesägten Schrotflinte, weil das ein Weg zu sein scheint, ein Weg raus aus der kleinen und hinein in die große Welt.

Von nun an ist Bronsons Leben eine bizarre Selbstinszenierung und Gewalt das wichtigste Stilmittel darin. Diese Gewalt steht nicht für Lebensverachtung und Dumpfheit, sondern erscheint als bewusstes Ausdrucksmittel eines unbändigen Lebenshungers. Charles Bronson zelebriert die Rolle des Unbeugsamen mit komischer Hingabe und wachsender Begeisterung und scheint großen Spaß daran zu haben, sich mit dem Rechtsstaat erbitterte Faustkämpfe zu liefern. Kein Katz-und-Maus-Spiel, sondern ein Kind, das dem grässlichen, alten Nachbarn immer neue Streiche spielt. Dass der Nachbar am längeren Hebel sitzt und nach jedem Streich zu immer drakonischeren Strafen greift, tut seiner Begeisterung keinen Abbruch.
Einzelhaft, Zwangsjacke, medikamentöse Ruhigstellung – nichts kann ihn brechen.
Charles Bronson ist ab.so.lut untherapierbar und seltsamerweise wirkt es so, als sei das eine aktive Entscheidung.

Regisseur Winding Refn inszeniert „Bronson“ als leichtfüßige Gewaltorgie, als vitalen Rausch, der niemals abstoßend wirkt, aber immer wie aus einer anderen Welt. Sein Hauptdarsteller Tom Hardy ist nichts weniger als überirdisch in der Rolle des Michael Peterson. Und es hat den Anschein, als würde die Rolle in ihn fließen und nicht umgekehrt. Man kann sich der grimmigen Vitalität, der lachenden Kompromisslosigkeit und der erdrückenden körperlichen Präsenz nur schwer entziehen.
Und obwohl die Gewalt zu keinem Zeitpunkt verherrlicht oder zur Lösung hochstilisiert wird, fällt es schwer, die Idee, einfach dem gewalttätigen Impuls zu folgen, nicht attraktiv zu finden.
Der Film steckt dabei so voller Widersprüche wie der Mann voller Widersprüche steckt. Fließendes Blut meets klassisches Klavierkonzert. Die schroffe Schönheit von Hardys nacktem Körper trifft auf abblätternde Farbe und rostige Bettgestelle. In krassen Bildern und starken Farben erzählt Winding Refn das Unerzählbare, ohne dabei nach dem Warum zu fragen. Er versucht nicht, die Psyche dieses Mannes erklärbar zu machen und ihn dadurch wieder zurückzuholen in die kleine Welt der Normalität. Er gibt ihm den Raum, den er will und lässt ihn in seiner Welt.

Winding Refn zeigt Bronson als unerklärliches Phänomen, als einzigen Einwohner seiner ganz eigenen komischen Welt, als brutalen Clown, dessen gewalttätige Besessenheit manchmal begeistert und manchmal unsagbar tragisch wirkt. Wenn er wieder einmal an Händen und Füßen gefesselt in einer der immer kleiner werdenden Einzelzellen sitzt, dann ist er ein Gefangener. Nicht der englischen Justiz, sondern seiner eigenen Inszenierung. Der auf solche Momente der Ruhe unweigerlich folgende Ausbruch scheint eine Befreiung zu sein, zieht aber in Wahrheit die Fesseln nur noch enger.

Testosteron spielt dabei eine Rolle, Narzissmus auch, vielleicht Genialität, aber vor allem der alles überdeckende Wunsch, einzigartig zu sein.

Willkommen in der bunten Welt der Geisteskrankheiten.