Ich früher

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Ein grauenhaftes Vergnügen

Achtung, Hinweis: in diesem Artikel geht es um Gruselgeschichten, die ich zum Teil nacherzähle. Menschen mit schwachen Nerven und schwachen Herzen sowie Schwangere und Brillenträger werden gebeten, das Fahrgeschäft jetzt zu ihrer eigenen Sicherheit zu verlassen.

Einer formidablen Schauergeschichte konnte ich noch nie widerstehen und die Betonung liegt dabei auf ‘Geschichte’. Splatter reizt mich nicht, Blut und Körperteile dürfen zwar vorkommen, aber nur, wenn sie sich erzählerisch ins Ganze fügen, nie aus Effektlust.

Ich liebe Horrorgeschichten. Ich liebe sie wirklich.
Das war auch schon immer so.
Seitdem ich als kleines Mädchen bei meiner besten Freundin Nicki die neonfarbenen Gruselkassetten von H.G. Francis hörte. Nicki und ich waren so dick befreundet, dass wir uns kurzerhand zu Schwestern erklärten. Wir aßen Peppies zu den Hörspielen, diese dicken Kartoffelsnacks, die nach Speck schmeckten. Bis heute kommt mir, wenn ich mal einen esse, unweigerlich das Bild in den Kopf, wie Nicki und ich im Wohnzimmer ihrer Eltern sitzen, heimlich Peppies essen und “Die Nacht der Todesratte” hören.
Nickis Eltern besaßen mehrere große Terrarien, in denen sie Pythons hielten, was unseren Gruselnachmittagen durchaus einen passenden Rahmen verlieh.
Natürlich war das alles fürchterlich verboten, das Peppiesessen, das Sofasitzen, das Freunde-mit-nach-Hause-bringen-ohne-die-Eltern-zu-fragen, das Schlangengucken (mit acht Jahren muss man einfach an die Scheibe klopfen!), das Hörspielhören (“Ab 12 Jahre!” stand auf den Hüllen, mit Ausrufezeichen), und mich wehte ein Hauch von Abenteuer an.

Die Nachmittage bei Nicki legten den Grundstein für ein Leben als ausgesprochener Gruselfreund.
Gruselhörspiele höre ich bis heute, Hörspiele, wohlgemerkt, keine Hörbücher, denn Hörbücher sind des Teufels, aber das weiß ja sowieso jeder.
Die Welt der Gruselhörspiele ist ja heute um so vieles größer und bunter als in den schlimmen 80er Jahren, als Nicki und ich Peppies aßen. Da gibt es Geister-Schocker und Gruselkabinette, mit bekannten Hollywoodsprechern, Literaturvorlagen und ohne.
Immer wenn ich Dinge tun muss, die ich nicht gerne tue, kochen zum Beispiel oder Badezimmer putzen, höre ich Gruselhörspiele dazu. Weil sie mich entspannen und innen drin zur Ruhe bringen und so verhüten, dass ich vor Wut über die unliebsame Tätigkeit völlig durchdrehe.

Filme zu schauen, für die ich noch nicht alt genug war, war damals in den Achtziger Jahren fast unmöglich – es gab ja noch kein Internet. Deshalb kam das erst deutlich später, aber nicht zu spät, denn die böse Saat ging auf und gedeihte prächtig in mir.
Es gibt allerdings nicht viele Filme, bei denen ich mich wirklich grusele. Klar, ich erschrecke mich mal, beiße auch mal den einen oder anderen Fingernagel ab, aber WIRKLICH gegruselt, so richtig mit Gänsehaut, Albträumen, tagelanger Erschütterung und beinahe Schreien vor Entsetzen, habe ich mich auf der ganzen Welt überhaupt nur bei drei Filmen.

Der erste war “Augen ohne Gesicht”, ein französischer Schwarzweiß-Film von 1960, der auf ganz und gar wunderbare Weise tiefe Traurigkeit mit grauenvollen Schrecken vereint. Er handelt von einem Arzt, der seiner durch einen Unfall entstellten Tochter zu einem neuen Gesicht verhelfen will. Zu diesem Behufe tötet er junge Frauen und versucht mit grausamer Verbissenheit in immer neuen qualvollen Operationen, seiner Tochter ein neues Gesicht zu transplantieren. Die Tochter leidet fürchterlich – unter ihrem Leben hinter einer weißen Gesichtsmaske, unter dem verbissenen Vater, unter der Isolation, unter dem Tod der Frauen.
Ich war 17 und in der darauffolgenden Nacht schlief ich rund zwei Stunden.

Weiter ging es mit “The Blair Witch Project”, der 1998 das Horrorgenre mit seiner ganzen Einzigartigkeit ziemlich aufgemischt, fast möchte ich sagen ‘neu erfunden’, hat. Nachdem ich den zum ersten Mal gesehen habe, erwachte ich drei Nächte schreiend aus Albträumen.
Die wackelige Handkamera war damals ein völlig neues Stilmittel, man hatte das Gefühl, ganz nah dabei zu sein, wenn sich die Protagonisten im düsteren Wald verirren und unheimliche Geräusche hören. Diese Nähe entwickelte eine solche Bedrohlichkeit, dass ich den Film bis heute nur zweimal gesehen habe, obwohl ich ihn zu den besten Filmen überhaupt aller Zeiten auf der Welt zählen würde.

Und schließlich “Die Frau in Schwarz” mit Daniel Radcliffe in seiner ersten Erwachsenenrolle. Kreisch, kreisch und kreisch. Fast habe ich geweint vor Angst und Entsetzen. In dem Film kommt einfach alles vor, was etwas in mir zum Klingen bringt: ein Geisterhaus, ein 19. Jahrhundert, ein sprödes, englisches Dorf mit mürrischen, englischen Dorfmenschen, ein Meer, ein Nebel, ein trauriger Mann. Das Unheimliche kommt hier oft ganz beiläufig daher, das Erschreckende ist die ganze Zeit im Bild, aber man entdeckt es erst im allerletzten Augenblick oder wenn es sich bewegt. Diese Aneinanderreihung von entsetzlichen Überraschungen (ich hasse Überraschungen sowieso) hing mir während des ganzen Film wie ein Sack mit Fischabfällen am Hals: widerwärtig, kalt und schwer.

Ein besonders bitteres Süppchen hat mir mein lieber Freund Quitzmaster Flash (a.k.a Christoph) eingebrockt, als er mir die Comicreihe “Crossed” aufschwatzte.
Zombies gehen ja sowieso immer und von allen Filmen, bei denen ich mich nicht gegruselt habe, habe ich mich bei Zombies immer noch am wenigsten nicht gegruselt. Hier, so isolierte Menschen, letzte Überlebende gegen eine Übermacht von und so weiter und so weiter. Das ist immer ein bedrückendes Motiv, hat mich immer angemacht. Das weiß Quitzmaster Flash natürlich und sprach also “Hier, so nimm denn ‘Crossed’ hin, wo zusätzlich zu dem ganzen Zombiegeseie noch jede Menge grenzüberschreitender Sex vorkommt, und sag mir, was Du davon hältst.” (Ich verlinke das übrigens nicht, weil schon das Cover empfindliche Gemüter nachhaltig verstören kann.)
Ich las es, als der Mann schon tief und fest neben mir schlief, nachts um drei, wenn die Welt am dunkelsten ist. Sagen wir es so: als ich schließlich Zähne putzen ging, brauchte ich all meine Kraft, um den Mann nicht zu wecken, damit er mitkommt.

Ins Kino ist nie jemand mit mir gegangen, erst recht keine Mädchen (Ey, müsst Ihr eigentlich immer solche Memmen sein?!). Aber selbst der beste Mann von der Welt will sich oft nicht anschließen, wenn ich Filme mit traurigen oder toten Menschen sehen will. Oder mit beidem.
Meistens gucke ich das also alleine, was in Ordnung ist, da ich mich ja ohnehin nur selten grusele.

Und was alles in allem wirklich seltsam daran ist, ist der Umstand, dass ich alles andere als hart im Nehmen bin.
Ich habe Spritzenangst (von “Christiane F.” habe ich nur rund ein Fünftel gesehen, weil ich in allen Szenen mit Spritzen die Augen zumachen musste), finde journalistische Berichterstattung oft viel zu hart, weine bald häufiger als ich nicht weine und als der Mann sich neulich beim Sport verletzte und ich die stark blutende Wunde versorgen musste, habe ich fast mehr gezittert als er.
Es wäre also durchaus nicht übertrieben, mich als verhältnismäßig großes Weichei zu bezeichnen, wenn es um die Realität geht.

Bei fiktiven Dingen habe ich dagegen sehr, sehr weitgefasste Grenzen. Das Zeug, was ich so konsumiere, ist den meisten Menschen, die ich kenne, viel zu hart.

Jedenfalls. Geschichten, die ich als guten Horror empfinde, sind selten.
“Hostel” war so grotesk überzeichnet, dass ich es eher eklig als gruselig fand, und das letzte Abendmahl mit Ray Liotta in “Hannibal” wirkte auf mich nur unfreiwillig komisch in seiner plumpen Deutlichkeit.
Ein ganz und gar formidables Stück Zombiekunst war “Exit Humanity”, ein ganz und gar beschissenes dagegen “Doomsday”.
Wunderbar altmodischer Grusel war “The Others”, recht plump fand ich “Das Geisterhaus”.
“Alien” war ein stilprägendes Science-Fiction-Meisterwerk, “Prometheus” eine flache, unlogische Krakelei.
Die Comicreihe “Zombies” hat mich ein paar Fingernägel gekostet, “The Walking Dead” hat mich völlig kalt gelassen (haha, Riesenbrüller!).

Verliere ich mich gerade im Thema?
[...]
Die Regie teilt mir gerade mit, dass ich mich im Thema verliere.

Auf Wiedersehen.

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Kommentare (9 Kommentare)

# 1 / Christian Römmer / 30.10.2012, 13:25

Liebe Frau Meike,
wie steht es denn bei Ihnen mit Schauergeschichten in schriftlicher Form? Seit Jugendtagen sind zwei Bretter meines Bücherregals mit Gespenster- und Gruselgeschichten verschiedener Art gefüllt, und ich kann und kann mich nicht trennen.
Sollten Sie jemals Lust auf einen langen, alten Gruselroman haben, empfehle ich “Melmoth, der Wanderer” von C. Maturin. Bestimmt 1000 Seiten Lesegenuss, schon die Sprache…! Seitenweise Schilderungen aus klösterlichen Folterkellern, ein Traum!
Aber Ihre Filmtipps muss ich auch nochmal in Ruhe durchgehen…
Herzliche Grüße

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    # 2 / Meike / 30.10.2012, 13:54

    Bücher so leidlich. Natürlich habe ich in meinem Bücherregal so etwas wie einen Stephen-King-Gedächtnisschrein (in der Pubertät durchkonsumiert) und auch bei “Die dritte Jungfrau” von Fred Vargas lief mir eine kleine Gänsehaut den Rücken hinab, aber insgesamt bevorzuge ich andere Literatur.
    Gruß zurück!

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# 3 / Sarah Maria / 30.10.2012, 13:36

ich bin da ein 100%iges weichei. hab mich oben in satz zwei auch als erste angesprochen gefühlt: wegzuklicken. und hab weitergelesen. kann’s ohnehin nicht lassen.

blair witch habe ich mit meinem damals-freund bei einem freund gesehen. und. tja. danach mussten wir da übernachten. hab mich standhaft geweigert das haus zu verlassen. ging nicht anders. – und noch wochen später habe ich überall gespenster gesehen. trotzdem. ich kann’s nicht lassen. :D

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# 4 / frau hühnerschreck / 30.10.2012, 17:33

*schmunzelt* mir geht es ähnlich mit krimis. bei mir wird gemordet und entstellt und die pathologen tun, was pathologen eben so tun – und ich finde es SUPERspannend. sowohl im buch als auch im fernsehen.
in der realität dagegen – tja, da geht es mir genau wie Ihnen.

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# 5 / roland / ronsens / 30.10.2012, 21:16

Unbedingter Ansehtipp (für mich der schönste/gruseligste Film aller Zeiten): The Uninvited von 1944, Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=siqSUaML-Ig&feature=related

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# 6 / Frankenhain / 31.10.2012, 17:23

Mit dem Alter wird man weicher. Lade gerade “Die Frau in Schwarz” herunter. Bevor es zu spät ist. Danke für den Tipp.

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# 7 / vera / 01.11.2012, 15:05

Erinnert sich noch jemand an Belphégor? Lief in den 70ern und hat mich Nächte gekostet, mit unter’s Bett und hinter den Schrank gucken.

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# 9 / comicfreak / 06.11.2012, 14:19

..geht dem kleinen Hasen genau so: Nightmare before Christmas hat er geliebt, Michel aus Lönneberga ging gar nicht, viel zu grausam ^^

Wir empfehlen http://de.wikipedia.org/wiki/Freaks ganz herzlich.

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