Das Glück liegt in Tobago. Und Räucherfisch.

Letztes Jahr haben der Mann und ich ein verlängertes Wochenende an der Ostsee verbracht.
Wir machen das gerne, so lange Wochenenden. Lieber ein paar Mal im Jahr nur für ein verlängertes Wochenende wegfahren als nur einmal und dafür zwei ganze Wochen. Außerdem: länger kann ich auch gar nicht wegfahren, weil ich dann unsere Katzen so doll vermisse, dass kein Urlaub auf der Welt mich darüber hinwegtrösten kann. Spätestens am fünften Tag muss (!) ich zurück nach Hause, das geht nicht anders.

Jedenfalls.

Letztes Jahr nun waren wir also an der Ostsee, in der Nähe von Bad Doberan.
Meistens machen wir Ausflüge, wenn wir für ein paar Tage wegfahren. Nur im Hotel oder am Strand rumlungern ist nichts für uns. An dem besagten Wochenende nun verspürten wir den Wunsch, ein Boot auszuleihen und irgendwo hinauszurudern. Also machten wir uns auf, einen Bootsverleih zu suchen.

Erst fuhren wir zum Salzhaff, wo die Luft sehr, sagen wir mal, würzig riecht. In dem kleinen Ort Rerik gibt es ein Café, in dem man ziemlich gute Waffeln bekommt, Möwen, Möwen und Anlegestege. Ach ja, und Möwen. Aber keinen Bootsverleih.
Wir fingen in unserer Verzweiflung sogar an zu googeln. Mit unseren Mobiltelefonen, bei mäßigem Empfang, man stelle sich vor!
Schließlich fanden wir einen Bootsverleih. Laut der gefühlt 13 Jahren alten Website ein Familienbetrieb, ansässig in Rerik. Ich rief an („Bootsverleih? Wie kommen Sie denn darauf? Hier is‘ kein Bootsverleih!“) und atmete anschließend tief durch.

Wir fuhren weiter. Zum Schnatermann (das heißt wirklich so), unserem Lieblingswaldgebiet an der Ostsee. Dort gibt es Eidechsen und Blindschleichen und Rohrweihen und Kaisermantel…n (die Mehrzahl von Kaisermantel heißt doch nicht Kaisermäntel, da wird man doch völlig bekloppt!). Da sind wir wahnsinnig gerne und dort gibt es viel Wasser und wir waren sicher, dass man dort irgendwo ein Boot mieten und auf dieses ganze Wasser hinausrudern kann.
War aber nicht so („Ja, nee, war hier mal, aber die haben schon vor Jahren dicht gemacht. Versuchen Sie es mal in Markgrafenheide.“).
Also atmeten wir nochmal durch und fuhren weiter.

Von gezieltem Ansteuern konnte keine Rede mehr sein. Wir trieben nur mehr mit gebrochenem Willen in Richtung Markgrafenheide, die Laune eher geht so, der Magen leer, die Hoffnung überschaubar. Wir kamen an einem Kletterwald vorbei und ich wäre schon bereit gewesen, mich zu der Demütigung einer körperlichen Betätigung (Sport hat doch etwas unfassbar Würdeloses) hinreißen zu lassen anstelle eines Ruderausflugs. Es war halb fünf. Der Mann sagte, lass uns noch eben hier diese Uferstraße runterfahren und wenn da nichts ist, gehen wir in den Kletterwald.

Und dann. Ja, und dann fanden wir den urigsten kleinen Bootsverleih, den die Welt je gesehen hat.
Ein maulfauler Eingeborener räucherte Fische auf der Wiese vor der Holzhütte in einem selbstgebauten Räucherrohr. Ich kannte das von meinem Vati, der früher oft zusammen mit meinem Bruder angeln gegangen war und die gefangenen Fische dann hinter dem Mietshaus geräuchert hatte. Ich versuchte, den Eingeborenen in ein Gespräch über Speisefische und Räuchern zu verwickeln, aber er war maulfaul, das sagte ich bereits. Maulfaule Menschen sind mir sehr sympathisch. Oder anders: Fressehalten rockt.
Der Mann überließ uns ein Ruderboot, wir kauften uns ein Eis.

Und dann. Ruderten wir los.
Die sinkende Sonne ließ Mücken aufsteigen und eine ziemlich steife Brise. Wir stellten uns vor, wir rudern nach Tobago zu einer Pirateninsel. Also, der Mann. Der Mann rudert mich nach Tobago zu einer Pirateninsel. Zwischendurch wollte ich uns auch mal wohinrudern, aber der Wind war so steif, dass ich es gerade mal schaffte, auf der Stelle zu rudern. Sehr demütigend war das. Also ruderte der Mann weiter. Wir leckten unser Eis (ich musste dem Mann bei seinem helfen, denn er musste ja rudern) und all das — die Sonne, der Wind, das Eis, Tobago und der Mann, der mich anlachte — machte mich so glücklich, dass ich feuchte Augen bekam. Ich bekomme praktisch immer feuchte Augen, wenn ich glücklich bin.
Der Mann ruderte uns in einen Kanal hinein, in dem es fast windstill war. Kleine Singvögel, die alle gleich aussehen und deren Namen ich alle mal kannte, als ich noch Biologin war, pfiffen sich eins im Schilf, das Wasser war glasklar und voll mit kleinen Fischen. Ich lehnte mich über den Bootsrand, plätscherte ein wenig herum, sog die Kostbarkeit des Moments in mir auf und spürte nichts als Glück in mir.

Als wir zurückkamen, hatte der Eingeborene fertiggeräuchert. Er nuschelte ein „Wollta auch?“ heraus und kurz darauf standen zwei Teller mit noch warmem, geräuchertem Dorsch und zwei kalte Flaschen Bier vor uns. Wir aßen und sahen uns an und — richtig: ich bekam schon wieder feuchte Augen.
Dieser seltsame Eingeborene, der kein Wort herausbekam, teilte mit uns seinen selbstgefangenen Fisch und wollte später noch nicht einmal Geld dafür. Einfach so. Wir haben ihm dann einfach eine Spende für die Kaffeekasse dagelassen und die Biere bezahlt und ich musste alle Kraft aufbringen, die ich hatte, um diesen mürrischen Mann mittleren Alters nicht auf der Stelle zu drücken.
Und dann wieder denke ich: Warum eigentlich nicht? Warum nicht mal jemanden umarmen, der mich glücklich gemacht hat, ohne es zu wissen?

Ich meine, hier: Die Natur, die Ruhe spüren, die Ruhe ertragen, die Nähe des Mannes, der mein Seelenpartner ist, Bootsverleih, Maulfaulheit, Mücken, glasklares Wasser, kleine lebende Fische und große geräucherte. Und Tobago.
Da flippt man doch völlig aus.
Oder nicht?