0 und 1

Ich lebe in einer Welt, die aus Ja und Nein, aus Schwarz und Weiß besteht. Die Gegenden Vielleicht und Grau kenne ich nicht. Ich bin noch nicht mal in der Nähe gewesen oder dran vorbeigefahren. Ich kenne die beiden Orte nur aus Erzählungen. Und natürlich aus zahlreichen Belehrungen, wie ich mein Leben zu gestalten habe („Leben ist halt nicht nur Schwarz oder Weiß!“).
Doch. Für mich ist es das.

Meine Gefühlspalette kennt genau zwei Zustände: An oder Aus. Menschen, Situationen, Probleme, Vorlieben – all das ist bei mir auf ein Entweder/Oder heruntergekocht. Entsprechend wenige Gefühlsfacetten kenne ich.

– Entweder ich liebe jemanden ganz, ganz doll oder er bedeutet mir nichts.
– Entweder mich interessiert etwas so brennend, dass ich über Wochen, Monate oder gar Jahre jedes Informationsfitzelchen darüber aufsauge und jede Unterbrechung in meiner Recherche als lästige Störung empfinde, oder ich möchte nichts darüber wissen.
– Entweder ich liebe einen Film wegen der gefühlten Identifikation so sehr, dass ich jede ablehnende Haltung anderer gegenüber diesem Film persönlich nehme. Oder ich wünsche mir, dass der Film nie gedreht worden wäre, weil er so eine schlimme Verschwendung von Lebenszeit darstellt.
– Wenn jemand, der mir (s.o.) viel, sehr viel bedeutet, sich mit einem Problem an mich wendet, dann betrachte ich es als meine Aufgabe, dieses Problem zu lösen. Ich zermartere mir solange das Gehirn, bis ich eine Lösung gefunden habe. Ich liege nachts wach und denke in jeder freien Sekunde über das Problem nach. Über alle Schwierigkeiten hinweg. Selbst gegen den Widerstand des Problembesitzers. Das mache ich so lange, bis ich vor Erschöpfung und Verzweiflung, denjenigen nicht retten zu können, fast zusammenbreche. Und mich dann vollständig zurückziehe – zumindest, wenn ich merke, dass der Problembesitzer sein Problem nicht lösen will.
– Nebenbei lesen, fernsehgucken oder Musik hören gibt es nicht. Entweder ich widme diesen Dingen meine ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit oder ich mache nichts davon. Zerstreuung, Berieselung, Ablenkung, kurz: nebenbei kann ich nicht.
– Fast alle politischen, moralischen, kulinarischen Grundsatzfragen lassen sich bei mir am Ende immer auf ein klares Ja/Nein herunterkochen. Völlige Ablehnung oder totale Begeisterung.

Ich spreche sehr, sehr häufig in Superlativen, was machmal vielleicht ein wenig beliebig wirkt. Oder überkandidelt.
Ich benutze Superlative, weil sich meine Gefühle ständig in Superlativen aufhalten. „Och, ja, ganz nett“ ist eine Formulierung, die in meinem gesamten Gefühlshorizont nicht vorgesehen ist. Mein Horizont besteht aus einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von „Das ist einer der besten Filme aller Zeiten“, „Diese vegetarische Quiche würde ich in meinem ganzen Leben nicht essen, nicht für alles Geld der Welt, wie kann man nur Vegetarier sein?!“ und „Ich möchte sterben ohne Dich“.

Meine gesamte Gefühlswelt springt ständig zwischen zwei Extremen hin und her. Immer. In der Mitte auspendeln gibt es nicht. Jemanden einfach nur „ganz nett“ finden geht nicht. Ein Buch zur Zerstreuung lesen geht nicht. Von den Problemen anderer zu hören, ohne sofort den Wunsch (fast möchte man „Zwang“ sagen) zu spüren, sie zu retten, kann ich nicht. Meine Lachanfälle gehen oft ohne Vorwarnung über in Weinkrämpfe. Es ist nicht so, dass mir vor Lachen die Tränen kommen, sondern während des Lachens schlägt die übermäßige Erheiterung um in panische Angst, nie wieder aufhören zu können. Und dann breche ich in echte Tränen aus, die Lachtränen werden ohne Übergang zu einem echten, verzweifelten Weinen mit Schluchzen und Rotzen.

In der Folge fällt es mir in fast 100% der Fälle schwer, die richtige Balance zu finden. Eine gesunde Distanz. Sowas soll es ja geben. Teilnehmen, ohne sich auffressen zu lassen. Ich weiß nicht, wie das geht.
Ich hab mal gesagt, ich bin ein Digitalmensch. An oder aus, null oder eins.
Jemand anderes hat mal gesagt, Beziehungen jenseits der Radikalität bedeuten Dir nicht viel.

Es ist für mich undenkbar, Menschen in meinem Leben zu haben, die mir nicht unfassbar viel bedeuten. Bekanntschaften.
In meinem Leben gab es immer nur Familie und ein oder zwei wirkliche Freunde. Fertig. Niemanden sonst. Keinen Speckgürtel aus entfernteren Freunden. Keine atmosphärische Hülle aus lockeren Bekanntschaften.
Ich habe noch niemals eine Geburtstagsparty gegeben, weil es niemanden zum Einladen gab. Für einen Geburtstagskaffee oder (so nannten wir das mit 16) ein Geburtstagssit-in oder ein Geburtstagsessengehen schon, aber eine Party? Wo dann am Ende mindestens 20 Leute zusammenkommen sollen? Ich habe mich immer gefragt, wie man sowas macht. Wer hat denn 20 Freunde? Und für mich war ganz selbstverständlich, dass ich an meinem Geburtstag nur Menschen um mich haben will, die ich aufrichtig liebhabe, also Freunde. Warum sollte man seinen Geburtstag mit Leuten verbringen, die einem im Grunde nicht wirklich was bedeuten?
Also keine Party für Meike.
Die virtuelle Kommunikation hat zwar einige Nuancen in dieses Ganz oder gar nicht geschoben, natürlich ist es mir möglich, jemanden, den ich nur aus dem Computer kenne, sympathisch zu finden, ohne eine ultimative Gefühlsentscheidung zu treffen, aber spätestens in der Realität, wenn man beschließt, sich zu treffen, kommt es irgendwann in mir drin zu einer „Hopp oder top“-Situation. Vertrauen oder Gleichgültigkeit. Liebhaben oder Weggehen. Emotional gesprochen.

Ich nehme keine Drogen, ich treibe keine suizidalen Sportarten, ich verletze mich nicht selber. Und doch ergibt sich aus dieser Intensität für mich ein Gefühl von Extrem. Mein Leben fühlt sich für mich an als ob ich immerzu renne. Mein Leben fühlt sich für mich extrem an, wie ein Rausch, der aus mir selber kommt. Leben am Gefühlsexzess.

Vielleicht liegt darin auch ein Grund für meine Schwierigkeiten mit anderen Menschen.
Vielleicht ist das anstrengend zuzuschauen wie jemand ständig das Allerbeste, das Allerschlimmste, das Allertraurigste, das Allerdümmste, das Allerschönste und das Allerklügste durchmacht. Vielleicht ist das unheimlich. Und vielleicht nervt das einfach nur, weil man ständig denkt „Meine Fresse, jetzt mach‘ doch bloß nicht immer so ein Gewese!“
Verständnislosigkeit war wohl die häufigste Reaktion. Mit Ablehnung konnte ich immer gut umgehen, sollen mich alle ruhig blöd und nervig finden, aber Verständnislosigkeit tut mir weh. Verständnislose Blicke ertrage ich nicht. Da gehe ich lieber bis ans Ende meiner Tage nicht mehr unter Menschen als mich diesen verständnislosen Blicken dauerhaft auszusetzen. Denn verbergen kann ich meine Gefühle nicht. Die kommen aus mir raus – egal, ob ich mich in der vertrautheit meines Schlafzimmers oder einem vollbesetzten Café befinde.
Ablehnung bedeutet, dass mein Gegenüber zu intensiven Gefühlen in der Lage ist. Zwar in entgegengesetzer Richtung, aber immerhin. Zu Menschen, die ganz doll etwas fühlen können, habe ich Zugang. Nicht zuletzt bedeutet es ja auch, dass ich sie immerhin soweit berühren kann, dass sie mich mit aller Leidenschaft scheiße finden.
Aber Verständnislosigkeit oder noch schlimmer: Gleichgültigkeit und Indifferenz sind ganz schlimm für mich. Das bedeutet, dass ich den Menschen nicht berühren kann, weder positiv noch negativ. Ich habe keinen Zugang zu seiner Gefühlswelt. Das ist für mich unerträglich. Weil es sich anfühlt wie ausgesperrt zu sein. Noch mehr als sowieso schon.

Und doch. Nicht für alles Geld der Welt würde ich diese Intensität eintauschen.
Nichts gibt mir so sehr das Gefühl, lebendig zu sein, wie mich von meinen eigenen Gefühlen zerreißen zu lassen.